Teil 1:
REQUIEM FÜR EINEN FAUN
Kapitel 1
Das Rondell am Spiel-Casino war der
markanteste Hinweis auf den Wandel des Ortes. Vor 25 Jahren war das noch die
gefährlichste Kreuzung in den Landes
gewesen, weil die, die aus Bordeaux mit Höchstgeschwindigkeit die lange Gerade
vom Etang hinunter zum Ozean gebraust
kamen, meist nicht auf die geänderte Vorfahrt achteten. Jetzt mussten die
Autofahrer vor dem Kreisverkehr nur noch aufpassen, dass sie sich nicht zu
lange von dieser Sonnenuhr aus Tausenden von Blüten ablenken ließen. Denn eines
hatte sich in all den Jahren nicht geändert – das war die Ungeduld der
französischen Autofahrer, die selbst während eigentlich entspannter Landpartien
beim kleinsten Halt sofort die Hupe betätigen.
Da, wo früher die Tankstelle stand, protzte
jetzt die von dorischen Säulen getragene Auffahrt zu den Glaspavillons des mondänen Multiplex. Der mutete in seiner
funktionellen Durchsichtigkeit an wie die Anordnung kommunizierender Röhren in
einem Physiksaal für Oger. Livrierte Casino-Valets nahmen oben vor dem Portal
die Fahrzeuge in Empfang und bugsierten sie in eine Tiefgarage, die der des
Flughafens von Bordeaux an Größe kaum nachstand. Angesichts der internationalen
Finanzkrise, in der die Milliarden in einem Fegefeuer des Größenwahns seit
Wochen geradezu verdampft wurden, zogen es die Bargeldbesitzer wohl vor, auf
vergleichsweise sichtbare Gewinnchancen an den Spieltischen zu setzen. Denn so
viel schlechter waren die ja nicht, und man hatte seinen Spaß dabei. Jedenfalls
stauten sich schon mittags die Fahrzeuge auf dieser Auffahrt.
Johannes kam seit einem viertel Jahrhundert
mindestens zweimal im Jahr nach LaGrange
Océan, aber derart war ihm bei der Ankunft nie zuvor bewusst gewesen, was
aus diesem historischen Feriendorf hinter den Monsterdünen geworden war. Klar,
jetzt da René tot war, würde er vermutlich in Zukunft nie wieder kommen. Nun
würden all die als selbstverständlich konsumierten, schönen Jahre lediglich
weiter an Erinnerungswert gewinnen. Hatten sie sich hier nicht alle noch vor
kurzer Zeit für unsterblich und kaum besiegbar gehalten?
Vom Rondell ging es nun in drei
Himmelsrichtungen zu Golfplätzen mit insgesamt 45 Greens. Der Vierer-Flight mit
seinen Freunden hatte 1982 noch auf nur
neun holprigen Bahnen angefangen. Zum eigenen Unvermögen waren da noch die
engen Schneisen durch die Pinien-Wälder gekommen. Die hatten die Bahnen bei
permanentem Wind nicht nur mit ihren Riesenzapfen beworfen, sondern waren auch
mit den Wurzeln durch den Dünensand der zunächst
nur dünn begrünten Fairways gedrungen. Aber mit dem den „Rabbits“ eigenen Eifer hatten sie all diese Unzulänglichkeiten überspielt.
Johannes fuhr nicht die Avenue Guy de Maupassant hinunter. Er wollte nicht an Renés Haus
vorbei, sondern überquerte die Dünen direkt zum Surferspot am Südstrand, wo sie
alle verabredet waren. René war vor mehr als sechs Monaten gestorben, aber er
hatte die Erfüllung seiner letzten Wünsche so akribisch geplant wie früher
seine preisgekrönten Kampagnen. Erst würden seine Witwe Roseanne und die Kinder
den Nachlass in Ruhe geregelt und die
Freunde Abstand von möglicher Trauer gewonnen haben, ehe sie sich zum heutigen
Termin noch einmal treffen sollten.
Johannes war spät dran. Er war in einem Stück
von der italienischen Riviera, wo er jetzt wohnte, über Montpellier und
Toulouse gefahren. Überall war er gut durchgekommen, weil auch die herbstliche
Nachsaison sich schon ihrem Ende näherte. Auf dem Periferique von Bordeaux, war er dann allerdings in das geraten,
was LaGrange so verändert hatte: Den
Wochenendbetrieb, der seit der Jahrtausendwende keine Saisonunterschiede mehr
kannte. Im vergangenen Jahr hatten sie bereits kurz nach Weihnachten in kurzen
Ärmeln ein offizielles Golfturnier gespielt. Der Klimawandel spülte vermehrt
Geld aus ganz Europa in die Kassen der hiesigen Golf-Resorts, und davon
profitierte nun der ganze Tourismus. Früher war LaGrange im Winter von gespenstisch schöner Ausgestorbenheit
gewesen, jetzt lohnte sich für die meisten Restaurants und Hotels der gehobenen
Klasse der Ganzjahresbetrieb.
Mochte sich alles doch sehr verändert haben,
der Surferspot wirkte immer noch wie eine Kulisse aus dem
50erJahre-Filmklassiker „die Ferien des Monsieur Hulot“. Das winzige Holzchalet
mit den vier genau in die
Himmelsrichtungen ausgerichteten
Spitzgiebeln war zwar durch die Hände vieler Besitzer gegangen, aber außer der
Farbe und einigen Brettern außen und neuerer technischer Ausstattung innen waren
Ambiance und Atmosphäre unverändert; auch
der typische Geruch: eine Melange aus dem unverkennbaren Sonnenschutz „Ambre Solaire“, frischen, zimtigen Crèpes
und Bier vom Zapfhahn. Dazu kamen die individuellen Duftnoten von Salz und
Sonne auf Haut und Haaren der Stammgäste dieses ewigen Hangouts.
Alle waren nicht gekommen. Jeder hatte doch
wohl sein Päckchen Trauer über Renés Tod individuell zu tragen. Dass Renés Frau
Roseanne nicht dabei sein würde, hatte Johannes bei dem Charakter der geplanten
Zeremonie irgendwie geahnt. Die Beziehungsachterbahn ihrer letzten gemeinsamen
Jahre hatte die Witwe mit offenen Wunden an ihrer Seele aus dem Gleis geworfen.
Erst war sie nach dreißig Jahren Ehe ausgebrochen, um sich selbst zu
verwirklichen, dann hatte sie diese aberwitzige Liebesbeziehung zwischen René
und Peggy als Zaungast miterleben müssen. Als memento mori war ihr herbstlicher
Liebhaber direkt neben ihr im Bett einem Infarkt erlegen. Aber als es mit René endgültig
zu Ende ging, war sie wieder voll entbrannter, alter Liebe bis zum Schluss an
seiner Seite gewesen.
Johannes, der beider Freundschaft nicht
verlieren wollte, hatte sich in diesem Bemühen fast anderthalb Jahrzehnte als
Chefvermittler missbrauchen lassen. Nun herrschte vorwurfsvolles Schweigen
zwischen ihm und der Witwe.
Auch Natalie, die fast exklusive Empfängerin
Renés väterlicher Liebe, war nicht erschienen. Sie schmollte ihrem Vater
posthum, weil jener – ihre stets offenbarte Habgier zügelnd – die Regelung des
Nachlasses in die Hände von Maurice, ihres zwei Jahre jüngeren Bruders gelegt
hatte. - Ausgerechnet Maurice, der
Surfer, der sein ganzes Leben auf die große Welle der Zuneigung seines Vaters
gewartet und immer nur den Spray der Esprit sprudelnden Gischt Renés
abbekommen hatte…
Maurice stand nun am Tresen, verteilte die
Getränke und war ganz der Hohepriester dieses agnostischen Requiems, das sein Vater haarklein verfügt hatte. Im
Zeitraffer der Erinnerung sah Johannes
Maurice vor dieser Bar in den verschiedenen Stadien des Heranwachsens: Als
Vierzehnjährigen, der mit seinem ersten Bier den ersten von insgesamt acht
Senioren-Titeln auf dem Wellenbrett feiern durfte. Als Achtzehnjährigen, der obwohl er aus der Surf
kaum heraus zu bekommen war, das beste Bac
des Bordelaise abgeliefert und
diese unglaubliche Strandparty für die
Strandbande seines Vaters gegeben hatte. Riesige Tabletts mit Getränken, Muscheln und Fritten, Bulots sowie Austern hatte er 1987 auf die höchste Düne in den
Sonnenuntergang geschleppt, und dann waren sie im Surferspot einem kollektiven Ricard-Rausch erlegen. Der Kerl war
damals, weil er das letzte Glas in seiner Hand beim Heimgehen übersehen hatte,
tatsächlich mit dem Abitursgeschenk, einem liebevoll renovierten, marineblauen Deux Chevaux lässig in die Bar hinein
gefahren, um es durch das Klappfenster in gespielter Artigkeit auf den Tresen
zu reichen. Dann sah Johannes ihn mit
all seinen gescheiterten Beziehungen, für die er deren jeweiligen
Landessprachen lernte, bis er sie fließend beherrschte. Eine stattliche Reihe
immer exotischer und außergewöhnlich hoch gewachsener Frauen war das gewesen.
Jede einzelne dazu ausersehen, die Frau fürs Leben zu sein. Nur Johannes kannte
den Grund, weshalb eine Liaison nach der anderen gescheitert war. Jetzt mit bald
Vierzig, drehten sich aber immer noch Frauen aller Altersklassen zu dem ewigen
Junggesellen hin, um nur einen Blick aus seinen „ozeanographischen“ Augen zu
erhaschen. Auf dem Scheitel war sein lockiges Haar zwar schon schütter und seitlich durchzogen es bereits erste
weiße Fäden, aber noch immer war der heutige Europa-Lobbyist aus Brüssel eine
geballte Ladung Charme und Sex.
Der Rest ihres alten Vierer-Flights stand mit
anderen Golf-Bekannten ein wenig abseits: Jean-Jaques, Jean-Francois und Urmel. Jean-Francois hatte den gleich alten
Johannes vor fünf Jahren aus einem Dilemma heraus gekauft. Johannes hatte, ohne
seine Frau zu informieren, eine Villa mit Garten und Pool am vierten Grün, des
neuen Championship-Kurses angezahlt. Dieses Fait-a-complit
hatte seine Frau durchkreuzt und unverhohlen mit Scheidung gedroht. Jean-Francois
war in den Vertrag eingestiegen, weil er sich, nachdem er auch noch einen guten
Preis für sein fast hundert Jahre altes Strandhaus erzielt hatte, deutlich
verbessern konnte. Aber dann hatte das Schicksal unbarmherzig zugeschlagen.
Weil er unbedingt selbst die schweren Stilmöbel beim Umzug schleppen musste,
erlitt er beim Einräumen einen Schlaganfall, der ihn lange halbseitig lähmte und für mehrere
Monate auch Teile seines Sprachzentrums außer Dienst stellte.
Ein anderer als der ehrgeizige Single Handicapper, der er gewesen war, hätte nach dem Iktus
aufgegeben. Jean-Francois aber stand nun scherzend und lachend ohne Stock
wieder hier. Er hatte auf Linkshänder umgeschult, weil die Beweglichkeit des
rechten Arms und das Greifen der Hand nach all den Rehas nicht zurückkommen wollten.
Mit Golf war es damit natürlich vorbei
gewesen, und Johannes fühlte sich unsinniger Weise irgendwie schuldig. Obwohl
er ihn am liebsten spielte, mied er den neuen Golf-Kurs seither. Er stellte
sich das als Höchststrafe für Jean-Francois vor, ihm und anderen Bekannten von
seinem Pool aus beim Putten zusehen zu müssen. Johannes wollte nicht, dass
Jean-Francois ihn möglicher Weise beobachtete.
Jean-Jaques, der Wirt des beliebtesten
Strandrestaurants von LaGrange war in
etwa als permanenter Ersatzmann eingesprungen, als bei René 2002 erstmals Krebs
diagnostiziert worden war. Das wiederum veranlasste Urmel, den man vorher euphemistisch noch als routinierten Trinker
bezeichnen konnte, endgültig letzte Schutzdämme zu einem dem Schicksal
ergebenen Alkoholiker einzureißen. Urmel,
der deutsche Art-Director, lebte seit gemeinsamen Agentur-Tagen in einer
merkwürdigen psychischen und physischen Abhängigkeit zu seinem Ex-Boss. Die
wurde nach dessen Rückzug aus der Werbewirtschaft nahezu krankhaft eifersüchtig ausgelebt. Bedacht
mit einem scharfzüngigen Intellekt und beißendem, mitunter gar bösartigem
Humor, konnte Urmel sich aber nur
dann entfalten, wenn René als Katalysator dabei war. Das hatte ihn als quasi
Dauergast in LaGrange zu einer
familiären Existenzfrage gemacht. Ehefrau und Kinder, aber ganz besonders andere
langjährige Freunde, mussten schon in psychologischer Kriegsführung bewandert und mit dickem Fell ausgestattet sein, um sich nicht
verbeißen zu lassen. Renés Tod hatte Urmel,
der nur wenig älter war als Johannes, in ein schüchternes Hutzelmännchen
verwandelt.
Nachdem er die Golfer begrüßt hatte,
wechselte Johannes zu den Künstlern, die wegen der neuen Gesetze auf der
Terrasse rauchen mussten. Die „Les
Artistes“ genannte Freundesgruppe war eigentlich auf Roseannes Initiative
als Gegengewicht zu den monothematischen Golfern entstanden. Als Roseanne und
René jedoch all das Ihre aufteilten, wechselten die Lebeleute lieber von
Roseannes Larmoyanz zu Renés Lebenslust. Die hatte selbst über die achte Chemo hinaus
noch bis zu Beginn des Komas alle unvermindert in ihren Bann gezogen.
Auch diese Gruppe hatte der Schnitter bereits
ziemlich ausgedünnt. Guillaume, schon immer ihr physischer und intellektueller
Mittelpunkt, wirkte nun noch mehr wie der pseudobarocke Aufbau eines
Kettenkarussells, um das diese bunten Menschlein kreisten. Seine drei Zentner
lebendgewichtige Unsportlichkeit auf zwei Meter Köperhöhe verteilt, waren immer
Ziel von Renés Spott gewesen. Wenn der Maler langsam und bedächtig die
Holztreppe vom Strand zur Restaurant-Terrasse des „Cajun“ hoch schnaufte, konnte sich der drahtig vorbei federnde
René bissige Bemerkungen selten verkneifen. Doch Guillaume war jetzt immer noch
da. Er hatte nicht nur René überlebt, sondern auch seinen zehn Jahre jüngeren
Manager und Lebensgefährten, der sich auf seiner sexuellen Zielgeraden „La SIDA“ eingefangen hatte. Jetzt lebte Guillaume in einer Beziehung, die ungewollt Johannes gestiftet hatte. Dwight, der kleine englische Professor, der jetzt neben dem Maler stand und zu ihm aufschaute wie ein kleiner Junge, hatte aber auch seinen Teil zu Renés letzter Liebe beigetragen
Kurioser Weise hatten die zwei, die Tiefe
seiner Fleischesfülle erschütternden Todesfälle und die neu entbrannte Liebe zu Dwight dafür gesorgt, dass Guillaume
in den vergangenen Monaten, den schwarzgrauen und rostigen Farbtönen seines
bisherigen Oeuvres komplett abgeschworen hatte. Stattdessen erstrahlte sein
explosionsartig wachsendes Alterswerk nun grellbunt in den Farben seiner
Geburtsinsel Martinique. In wenigen Wochen würde in einem Salle D’Expositions am Bois de
Boulogne anlässlich seines 75. Geburtstags eine Werkschau eröffnet werden,
in deren Mittelpunkt sein jüngstes Schaffen stünde. – Einschließlich des
Porträts einer Marktfrau, das Johannes gerne gehabt hätte, aber
sich einfach nicht mehr leisten konnte, seit die neueren Gemälde seines
Ferien-Freundes die 10 000 Euro Marke weit hinter sich gelassen hatten.
Joceline, die mehrfach geliftete Pariser
Antiquitätenhändlerin unschätzbaren Alters, die sich noch immer geometrisch im
Courrège-Stil ihrer Jugend kleidete und frisierte, war offensichtlich das
einzige weibliche Wesen, das sich vom angeordneten, unverhüllten Ritual der
Bestattungsfeierlichkeiten für René nicht hatte abschrecken lassen. Sie folgte
Maurice mit der Urne und den Barkeepern, die den Champagner trugen, als Erste
in Richtung Meer.
„Am Bunker um drei“, hatte auf der Einladung
von René gestanden. Ein stilisiertes, grob gepinseltes Segelboot von Guillaume
war auf ihr zu ungewissen Ufern unterwegs. Begleitet vom Anfang eines Derek
Walcott Gedichtes mit dem Titel „Love
after Love“.
Am Bunker um drei! Das war all die Jahre die
Verabredungsparole der Strandclique gewesen. Wobei das mit dem Bunker eine
doppelte Bedeutung hatte. Einerseits heißen ja die Sandhindernisse beim Golf
so, andererseits lag die von der Clique penibel gehütete Mulde zwischen zwei
Dünen in unmittelbarer Nähe eines geborstenen Bunkers. Auch nach 60 Jahren
Verwittern waren die Betonbrocken des „Westwalls“ in dieser herrlichen Dünenlandschaft ein unfassbares
Mahnmal für Hitlers gescheiterten Größenwahn.
Als die anderen Trauergäste am Rande des
trockenen Sandes angelangt waren, hatte Madame Joceline schon „sans gène“ ihre Designer-Hüllen
abgestreift. Kleine Schreckensschreie ausstoßend, zitterte sie ihre erstaunlich
wenig welke Rückenpartie mit dem
altersbedingten Zwetschgenhintern der auflaufenden Tide entgegen. Keiner der
Männer ob älter oder jünger zögerte da noch lang. Im Nu stand das letzte Geleit
mit vor Kälte geschrumpelten Gemächten unter bleichen, überhängenden
Bauchschürzen im Lichtkleid neben ihr. Aber all ihre Blößen spielten keine
Rolle, denn in diesem Moment waren sie schon beseelt vom Geiste jener
Vergangenheit. Jener „besten Jahre“, als sie als Mitglieder der Strandbande noch
über stets straffe und nahtlos tiefbraun getönte Körper verfügt hatten…
Niemand hatte etwas gesagt. Es war, als hätte
eine unhörbare Stimme ihnen Regieanweisungen gegeben. Sie hatten sich bei den
Händen genommen und einen Sonnenkreis um Maurice gebildet; gewissermaßen einen Stonehenge aus nackten, überreifen und
teils bereits verwitternden Menschenkörpern.
Nun waren auf diesem Strandabschnitt Leute,
die Textilien trugen, normaler Weise ganz deutlich in der Minderzahl; aber eben
nicht mehr zu dieser Jahreszeit. Den zahlreichen Strandwanderern musste die bis
zu den Waden in der kalten Brandung stehende Gruppe daher wie eine um ihren
Guru versammelte Sekte erscheinen.
Johannes hatte René in den Neunzigern den
signierten Gedichtband des karibischen Dichters und Nobelpreisträgers von einer
spezialisierten Buchhandlung aus Boston mitgebracht, wo Walcott eine Zeit lang
gelehrt hatte. Es war ein Geburtstagsgeschenk mit Langzeitwirkung gewesen, denn
sein eher pragmatisch empfindender Freund war dessen lyrischem Werk in den
Folgejahren geradezu fanatisch verfallen. Was noch durch den Umstand bestärkt worden
war, dass sein Sohn, Maurice, das Sprachgenie, sich daran gemacht hatte,
einzelne „Poems“ mit viel
Einfühlungsvermögen ins Französische zu übertragen.
Dadurch, dass Maurice nun als Fortsetzung zur
Einladung, seine eigene Übersetzung von Walcotts Gedicht vortrug, war Johannes
mit seinen nicht mehr ganz taufrischen Französisch-Kenntnissen gezwungen, das
Englisch-Französische im Kopf zurück ins Deutsche zu übersetzen. Und gerade diese
mehrfach transformierten Zeilen schienen seinem verstorbenen Freund und diesem
besonderen Tag auf spezielle Weise gerecht zu werden:
„…Du wirst wieder den
Fremden in dir lieben.
Gib ihm Wein! Gib ihm
Brot! Gib ihm dein Herz zurück!
Ihm, dem Fremden, der
Dich geliebt hat.
…Nimm die Liebesbriefe vom Bücherbord, die
Fotografien,
und zieh dein
Ebenbild vom Spiegel!
Setz
dich und lass dir dein Leben schmecken!“
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