Mittwoch, 8. Januar 2014

Strohfeuer

Teil 1:
REQUIEM FÜR EINEN FAUN


 Kapitel 1


   Das Rondell am Spiel-Casino war der markanteste Hinweis auf den Wandel des Ortes. Vor 25 Jahren war das noch die gefährlichste Kreuzung in den Landes gewesen, weil die, die aus Bordeaux mit Höchstgeschwindigkeit die lange Gerade vom Etang hinunter zum Ozean gebraust kamen, meist nicht auf die geänderte Vorfahrt achteten. Jetzt mussten die Autofahrer vor dem Kreisverkehr nur noch aufpassen, dass sie sich nicht zu lange von dieser Sonnenuhr aus Tausenden von Blüten ablenken ließen. Denn eines hatte sich in all den Jahren nicht geändert – das war die Ungeduld der französischen Autofahrer, die selbst während eigentlich entspannter Landpartien beim kleinsten Halt sofort die Hupe betätigen.
  Da, wo früher die Tankstelle stand, protzte jetzt die von dorischen Säulen getragene Auffahrt  zu den Glaspavillons des  mondänen Multiplex. Der mutete in seiner funktionellen Durchsichtigkeit an wie die Anordnung kommunizierender Röhren in einem Physiksaal für Oger. Livrierte Casino-Valets nahmen oben vor dem Portal die Fahrzeuge in Empfang und bugsierten sie in eine Tiefgarage, die der des Flughafens von Bordeaux an Größe kaum nachstand. Angesichts der internationalen Finanzkrise, in der die Milliarden in einem Fegefeuer des Größenwahns seit Wochen geradezu verdampft wurden, zogen es die Bargeldbesitzer wohl vor, auf vergleichsweise sichtbare Gewinnchancen an den Spieltischen zu setzen. Denn so viel schlechter waren die ja nicht, und man hatte seinen Spaß dabei. Jedenfalls stauten sich schon mittags die Fahrzeuge auf dieser Auffahrt.
 Johannes kam seit einem viertel Jahrhundert mindestens zweimal im Jahr nach LaGrange Océan, aber derart war ihm bei der Ankunft nie zuvor bewusst gewesen, was aus diesem historischen Feriendorf hinter den Monsterdünen geworden war. Klar, jetzt da René tot war, würde er vermutlich in Zukunft nie wieder kommen. Nun würden all die als selbstverständlich konsumierten, schönen Jahre lediglich weiter an Erinnerungswert gewinnen. Hatten sie sich hier nicht alle noch vor kurzer Zeit für unsterblich und kaum besiegbar gehalten?
  Vom Rondell ging es nun in drei Himmelsrichtungen zu Golfplätzen mit insgesamt 45 Greens. Der Vierer-Flight mit seinen Freunden hatte 1982 noch  auf nur neun holprigen Bahnen angefangen. Zum eigenen Unvermögen waren da noch die engen Schneisen durch die Pinien-Wälder gekommen. Die hatten die Bahnen bei permanentem Wind nicht nur mit ihren Riesenzapfen beworfen, sondern waren auch mit den Wurzeln durch den Dünensand  der zunächst nur dünn begrünten Fairways gedrungen. Aber mit dem den „Rabbits“ eigenen Eifer hatten sie all diese Unzulänglichkeiten überspielt.
  Johannes fuhr nicht die Avenue Guy de Maupassant hinunter. Er wollte nicht an Renés Haus vorbei, sondern überquerte die Dünen direkt zum Surferspot am Südstrand, wo sie alle verabredet waren. René war vor mehr als sechs Monaten gestorben, aber er hatte die Erfüllung seiner letzten Wünsche so akribisch geplant wie früher seine preisgekrönten Kampagnen. Erst würden seine Witwe Roseanne und die Kinder den Nachlass in Ruhe geregelt  und die Freunde Abstand von möglicher Trauer gewonnen haben, ehe sie sich zum heutigen Termin noch einmal treffen sollten.
  Johannes war spät dran. Er war in einem Stück von der italienischen Riviera, wo er jetzt wohnte, über Montpellier und Toulouse gefahren. Überall war er gut durchgekommen, weil auch die herbstliche Nachsaison sich schon ihrem Ende näherte. Auf dem Periferique von Bordeaux, war er dann allerdings in das geraten, was LaGrange so verändert hatte: Den Wochenendbetrieb, der seit der Jahrtausendwende keine Saisonunterschiede mehr kannte. Im vergangenen Jahr hatten sie bereits kurz nach Weihnachten in kurzen Ärmeln ein offizielles Golfturnier gespielt. Der Klimawandel spülte vermehrt Geld aus ganz Europa in die Kassen der hiesigen Golf-Resorts, und davon profitierte nun der ganze Tourismus. Früher war LaGrange im Winter von gespenstisch schöner Ausgestorbenheit gewesen, jetzt lohnte sich für die meisten Restaurants und Hotels der gehobenen Klasse der Ganzjahresbetrieb.
  Mochte sich alles doch sehr verändert haben, der Surferspot wirkte immer noch wie eine Kulisse aus dem 50erJahre-Filmklassiker „die Ferien des Monsieur Hulot“. Das winzige Holzchalet mit den vier  genau in die Himmelsrichtungen  ausgerichteten Spitzgiebeln war zwar durch die Hände vieler Besitzer gegangen, aber außer der Farbe und einigen Brettern außen und neuerer technischer Ausstattung innen waren Ambiance und Atmosphäre unverändert; auch der typische Geruch: eine Melange aus dem unverkennbaren Sonnenschutz „Ambre Solaire“, frischen, zimtigen Crèpes und Bier vom Zapfhahn. Dazu kamen die individuellen Duftnoten von Salz und Sonne auf Haut und Haaren der Stammgäste dieses ewigen Hangouts.
  Alle waren nicht gekommen. Jeder hatte doch wohl sein Päckchen Trauer über Renés Tod individuell zu tragen. Dass Renés Frau Roseanne nicht dabei sein würde, hatte Johannes bei dem Charakter der geplanten Zeremonie irgendwie geahnt. Die Beziehungsachterbahn ihrer letzten gemeinsamen Jahre hatte die Witwe mit offenen Wunden an ihrer Seele aus dem Gleis geworfen. Erst war sie nach dreißig Jahren Ehe ausgebrochen, um sich selbst zu verwirklichen, dann hatte sie diese aberwitzige Liebesbeziehung zwischen René und Peggy als Zaungast miterleben müssen. Als memento mori war ihr herbstlicher Liebhaber direkt neben ihr im Bett einem Infarkt erlegen. Aber als es mit René endgültig zu Ende ging, war sie wieder voll entbrannter, alter Liebe bis zum Schluss an seiner Seite gewesen.
  Johannes, der beider Freundschaft nicht verlieren wollte, hatte sich in diesem Bemühen fast anderthalb Jahrzehnte als Chefvermittler missbrauchen lassen. Nun herrschte vorwurfsvolles Schweigen zwischen ihm und der Witwe.
  Auch Natalie, die fast exklusive Empfängerin Renés väterlicher Liebe, war nicht erschienen. Sie schmollte ihrem Vater posthum, weil jener – ihre stets offenbarte Habgier zügelnd – die Regelung des Nachlasses in die Hände von Maurice, ihres zwei Jahre jüngeren Bruders gelegt hatte. -  Ausgerechnet Maurice, der Surfer, der sein ganzes Leben auf die große Welle der Zuneigung seines Vaters gewartet und immer nur den Spray der Esprit sprudelnden Gischt Renés abbekommen  hatte…
  Maurice stand nun am Tresen, verteilte die Getränke und war ganz der Hohepriester dieses agnostischen Requiems, das  sein Vater haarklein verfügt hatte. Im Zeitraffer der Erinnerung sah Johannes  Maurice vor dieser Bar in den verschiedenen Stadien des Heranwachsens: Als Vierzehnjährigen, der mit seinem ersten Bier den ersten von insgesamt acht Senioren-Titeln auf dem Wellenbrett feiern durfte. Als  Achtzehnjährigen, der obwohl er aus der Surf kaum heraus zu bekommen war, das beste Bac des Bordelaise abgeliefert und diese unglaubliche Strandparty  für die Strandbande seines Vaters gegeben hatte. Riesige Tabletts mit Getränken,  Muscheln und Fritten, Bulots sowie Austern hatte er 1987 auf die höchste Düne in den Sonnenuntergang geschleppt, und dann waren sie im Surferspot einem kollektiven Ricard-Rausch erlegen. Der Kerl war damals, weil er das letzte Glas in seiner Hand beim Heimgehen übersehen hatte, tatsächlich mit dem Abitursgeschenk, einem liebevoll renovierten, marineblauen Deux Chevaux lässig in die Bar hinein gefahren, um es durch das Klappfenster in gespielter Artigkeit auf den Tresen zu reichen.    Dann sah Johannes ihn mit all seinen gescheiterten Beziehungen, für die er deren jeweiligen Landessprachen lernte, bis er sie fließend beherrschte. Eine stattliche Reihe immer exotischer und außergewöhnlich hoch gewachsener Frauen war das gewesen. Jede einzelne dazu ausersehen, die Frau fürs Leben zu sein. Nur Johannes kannte den Grund, weshalb eine Liaison nach der anderen gescheitert war. Jetzt mit bald Vierzig, drehten sich aber immer noch Frauen aller Altersklassen zu dem ewigen Junggesellen hin, um nur einen Blick aus seinen „ozeanographischen“ Augen zu erhaschen. Auf dem Scheitel war sein lockiges Haar zwar schon schütter  und seitlich durchzogen es bereits erste weiße Fäden, aber noch immer war der heutige Europa-Lobbyist aus Brüssel eine geballte Ladung Charme und Sex.
  Der Rest ihres alten Vierer-Flights stand mit anderen Golf-Bekannten ein wenig abseits: Jean-Jaques, Jean-Francois und Urmel. Jean-Francois hatte den gleich alten Johannes vor fünf Jahren aus einem Dilemma heraus gekauft. Johannes hatte, ohne seine Frau zu informieren, eine Villa mit Garten und Pool am vierten Grün, des neuen Championship-Kurses angezahlt. Dieses Fait-a-complit hatte seine Frau durchkreuzt und unverhohlen mit Scheidung gedroht. Jean-Francois war in den Vertrag eingestiegen, weil er sich, nachdem er auch noch einen guten Preis für sein fast hundert Jahre altes Strandhaus erzielt hatte, deutlich verbessern konnte. Aber dann hatte das Schicksal unbarmherzig zugeschlagen. Weil er unbedingt selbst die schweren Stilmöbel beim Umzug schleppen musste, erlitt er beim Einräumen einen Schlaganfall, der ihn  lange halbseitig lähmte und für mehrere Monate auch Teile seines Sprachzentrums außer Dienst stellte.
  Ein anderer als der ehrgeizige Single Handicapper,  der er gewesen war, hätte nach dem Iktus aufgegeben. Jean-Francois aber stand nun scherzend und lachend ohne Stock wieder hier. Er hatte auf Linkshänder umgeschult, weil die Beweglichkeit des rechten Arms und das Greifen der Hand  nach all den Rehas nicht zurückkommen wollten. Mit Golf war es  damit natürlich vorbei gewesen, und Johannes fühlte sich unsinniger Weise irgendwie schuldig. Obwohl er ihn am liebsten spielte, mied er den neuen Golf-Kurs seither. Er stellte sich das als Höchststrafe für Jean-Francois vor, ihm und anderen Bekannten von seinem Pool aus beim Putten zusehen zu müssen. Johannes wollte nicht, dass Jean-Francois ihn möglicher Weise beobachtete.
  Jean-Jaques, der Wirt des beliebtesten Strandrestaurants von LaGrange war in etwa als permanenter Ersatzmann eingesprungen, als bei René 2002 erstmals Krebs diagnostiziert worden war. Das wiederum veranlasste Urmel, den man vorher euphemistisch noch als routinierten Trinker bezeichnen konnte, endgültig letzte Schutzdämme zu einem dem Schicksal ergebenen Alkoholiker einzureißen. Urmel, der deutsche Art-Director, lebte seit gemeinsamen Agentur-Tagen in einer merkwürdigen psychischen und physischen Abhängigkeit zu seinem Ex-Boss. Die wurde nach dessen Rückzug aus der Werbewirtschaft  nahezu krankhaft eifersüchtig ausgelebt. Bedacht mit einem scharfzüngigen Intellekt und beißendem, mitunter gar bösartigem Humor, konnte Urmel sich aber nur dann entfalten, wenn René als Katalysator dabei war. Das hatte ihn als quasi Dauergast in LaGrange zu einer familiären Existenzfrage gemacht. Ehefrau und Kinder, aber ganz besonders andere langjährige Freunde, mussten schon in psychologischer Kriegsführung bewandert  und mit  dickem Fell ausgestattet sein, um sich nicht verbeißen zu lassen. Renés Tod hatte Urmel, der nur wenig älter war als Johannes, in ein schüchternes Hutzelmännchen verwandelt.

  Nachdem er die Golfer begrüßt hatte, wechselte Johannes zu den Künstlern, die wegen der neuen Gesetze auf der Terrasse rauchen mussten. Die „Les Artistes“ genannte Freundesgruppe war eigentlich auf Roseannes Initiative als Gegengewicht zu den monothematischen Golfern entstanden. Als Roseanne und René jedoch all das Ihre aufteilten, wechselten die Lebeleute lieber von Roseannes Larmoyanz zu Renés Lebenslust. Die hatte selbst über die achte Chemo hinaus noch bis zu Beginn des Komas alle unvermindert in ihren Bann gezogen.
  Auch diese Gruppe hatte der Schnitter bereits ziemlich ausgedünnt. Guillaume, schon immer ihr physischer und intellektueller Mittelpunkt, wirkte nun noch mehr wie der pseudobarocke Aufbau eines Kettenkarussells, um das diese bunten Menschlein kreisten. Seine drei Zentner lebendgewichtige Unsportlichkeit auf zwei Meter Köperhöhe verteilt, waren immer Ziel von Renés Spott gewesen. Wenn der Maler langsam und bedächtig die Holztreppe vom Strand zur Restaurant-Terrasse des „Cajun“ hoch schnaufte, konnte sich der drahtig vorbei federnde René bissige Bemerkungen selten verkneifen. Doch Guillaume war jetzt immer noch da. Er hatte nicht nur René überlebt, sondern auch seinen zehn Jahre jüngeren Manager und Lebensgefährten, der sich auf seiner sexuellen Zielgeraden „La SIDA“ eingefangen hatte. Jetzt lebte Guillaume in einer Beziehung, die ungewollt Johannes gestiftet hatte. Dwight, der kleine englische Professor, der jetzt neben dem Maler stand und zu ihm aufschaute wie ein kleiner Junge, hatte aber auch seinen Teil zu Renés letzter Liebe beigetragen
  Kurioser Weise hatten die zwei, die Tiefe seiner Fleischesfülle erschütternden Todesfälle und die neu entbrannte Liebe zu Dwight dafür gesorgt, dass Guillaume in den vergangenen Monaten, den schwarzgrauen und rostigen Farbtönen seines bisherigen Oeuvres komplett abgeschworen hatte. Stattdessen erstrahlte sein explosionsartig wachsendes Alterswerk nun grellbunt in den Farben seiner Geburtsinsel Martinique. In wenigen Wochen würde in einem Salle D’Expositions am Bois de Boulogne anlässlich seines 75. Geburtstags eine Werkschau eröffnet werden, in deren Mittelpunkt sein jüngstes Schaffen stünde. – Einschließlich des Porträts einer  Marktfrau, das Johannes gerne gehabt hätte, aber sich einfach nicht mehr leisten konnte, seit die neueren Gemälde seines Ferien-Freundes die 10 000 Euro Marke weit hinter sich gelassen hatten.

  Joceline, die mehrfach geliftete Pariser Antiquitätenhändlerin unschätzbaren Alters, die sich noch immer geometrisch im Courrège-Stil ihrer Jugend kleidete und frisierte, war offensichtlich das einzige weibliche Wesen, das sich vom angeordneten, unverhüllten Ritual der Bestattungsfeierlichkeiten für René nicht hatte abschrecken lassen. Sie folgte Maurice mit der Urne und den Barkeepern, die den Champagner trugen, als Erste in Richtung Meer.
  „Am Bunker um drei“, hatte auf der Einladung von René gestanden. Ein stilisiertes, grob gepinseltes Segelboot von Guillaume war auf ihr zu ungewissen Ufern unterwegs. Begleitet vom Anfang eines Derek Walcott Gedichtes mit dem Titel „Love after Love“.
  Am Bunker um drei! Das war all die Jahre die Verabredungsparole der Strandclique gewesen. Wobei das mit dem Bunker eine doppelte Bedeutung hatte. Einerseits heißen ja die Sandhindernisse beim Golf so, andererseits lag die von der Clique penibel gehütete Mulde zwischen zwei Dünen in unmittelbarer Nähe eines geborstenen Bunkers. Auch nach 60 Jahren Verwittern waren die Betonbrocken des „Westwalls“ in dieser  herrlichen Dünenlandschaft ein unfassbares Mahnmal für Hitlers gescheiterten Größenwahn.
  Als die anderen Trauergäste am Rande des trockenen Sandes angelangt waren, hatte Madame Joceline schon „sans gène“ ihre Designer-Hüllen abgestreift. Kleine Schreckensschreie ausstoßend, zitterte sie ihre erstaunlich wenig welke Rückenpartie  mit dem altersbedingten Zwetschgenhintern der auflaufenden Tide entgegen. Keiner der Männer ob älter oder jünger zögerte da noch lang. Im Nu stand das letzte Geleit mit vor Kälte geschrumpelten Gemächten unter bleichen, überhängenden Bauchschürzen im Lichtkleid neben ihr. Aber all ihre Blößen spielten keine Rolle, denn in diesem Moment waren sie schon beseelt vom Geiste jener Vergangenheit. Jener „besten Jahre“, als sie als Mitglieder der Strandbande noch über stets straffe und nahtlos tiefbraun getönte Körper verfügt hatten…

  Niemand hatte etwas gesagt. Es war, als hätte eine unhörbare Stimme ihnen Regieanweisungen gegeben. Sie hatten sich bei den Händen genommen und einen Sonnenkreis um Maurice gebildet; gewissermaßen einen Stonehenge aus nackten, überreifen und teils bereits verwitternden Menschenkörpern.
  Nun waren auf diesem Strandabschnitt Leute, die Textilien trugen, normaler Weise ganz deutlich in der Minderzahl; aber eben nicht mehr zu dieser Jahreszeit. Den zahlreichen Strandwanderern musste die bis zu den Waden in der kalten Brandung stehende Gruppe daher wie eine um ihren Guru versammelte Sekte erscheinen.
  Johannes hatte René in den Neunzigern den signierten Gedichtband des karibischen Dichters und Nobelpreisträgers von einer spezialisierten Buchhandlung aus Boston mitgebracht, wo Walcott eine Zeit lang gelehrt hatte. Es war ein Geburtstagsgeschenk mit Langzeitwirkung gewesen, denn sein eher pragmatisch empfindender Freund war dessen lyrischem Werk in den Folgejahren geradezu fanatisch verfallen. Was noch durch den Umstand bestärkt worden war, dass sein Sohn, Maurice, das Sprachgenie, sich daran gemacht hatte, einzelne „Poems“ mit viel Einfühlungsvermögen ins Französische zu übertragen. 
  Dadurch, dass Maurice nun als Fortsetzung zur Einladung, seine eigene Übersetzung von Walcotts Gedicht vortrug, war Johannes mit seinen nicht mehr ganz taufrischen Französisch-Kenntnissen gezwungen, das Englisch-Französische im Kopf zurück ins Deutsche zu übersetzen. Und gerade diese mehrfach transformierten Zeilen schienen  seinem verstorbenen Freund und diesem besonderen Tag auf spezielle Weise gerecht zu werden:
                         „…Du wirst wieder den Fremden in dir lieben.
                          Gib ihm Wein! Gib ihm Brot! Gib ihm dein Herz zurück!
                          Ihm, dem Fremden, der Dich geliebt hat.
                          …Nimm die Liebesbriefe vom Bücherbord, die Fotografien,
                          und zieh dein Ebenbild vom Spiegel!
                           Setz dich und lass dir dein Leben schmecken!“

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