4.
Kapitel
Zum
dritten Gang gab es die nur Finger dicken Gironde-Aale
auf Wildreis aus der Camargue. Aber
das waren nicht die in Knoblauch und Petersilie gerösteten, zerhackten Teile an
der Gräte, wie sie die einfachen Fischrestaurants Aquitaniens direkt mit der
Pfanne auf den Tisch hauen, sondern sorgfältig
von allem befreite, hauchzarte Filets. Sie waren nur in Safranbutter mit
etwas gestoßenem, roten Pfeffer gereift, und wurden von geschmorten
Herbsttrompeten begleitet. Das passte besser zu den Rotweinen.
Urmel
hatte von dieser meisterhaften Komposition nur noch Gabelspitzen probiert. Ein
untrügliches Zeichen, dass er bereits auf zwanghafte Flüssig-Ernährung
umgestellt hatte, bevor ihn Maurice doch noch zu einem seiner witzigen
Stegreif-Vorträge hätte animieren können. In diesen Rede freien Raum stießen nun
zwei aus der Golf-Clique vor, zu denen Johannes nur bei Turnieren Kontakt
gehabt hatte, weil er sie ansonsten mied. Maurice hatte die Golfer zwar einzeln
so weit auseinander gesetzt, damit sich die Tischgespräche auch um andere
Themen ranken konnten, aber das hatte nicht verhindert, dass diese beiden sich
zu ihrer kabarettistisch gemeinten Darbietung abgesprochen hatten. Vermutlich
hätte René sogar am lautesten über den Sketch gelacht, den sie sich ausgedacht
hatten. Aber Johannes war doch ein wenig pikiert, weil sich René ja nicht mehr
selbst wehren konnte und ihm diese wenig schmeichelhafte Episode noch aus der eigentlich
gesunden Zeit nach hing.
Die beiden markierten zwei Golfer am
Abschlag, von denen der eine durch Körperhaltung und den nachdrücklich
abgehackten Redestil unverkennbar René sein sollte. Der andere redete deutlich beschickert und war an seiner zusammengefallenen
Körperhaltung unschwer als „Urmel“ zu
identifizieren. Wer es nicht gleich kapiert hatte, kam sofort drauf, als der
unverkennbare „accent boche’’ des
Deutschen imitiert wurde. Urmel
selbst schien das nicht zu stören – er schien überhaupt nicht mehr zuzuhören:
„René“ machte einen Probeschwung mit
entsprechend konzentrierter Miene.
„Willst du wirklich wieder direkt spielen.
Wenn du die 17 streichen musst, hast du deinen tollen Score versaut.“
„You look!“, sagte der René-Imitator und wies mit seinem imaginären Golfschläger feldherrisch wie Rommel auf ein weit entferntes, imaginäres Sandhindernis – ein El Alamein für Golfbälle gewissermaßen.
„You look!“, sagte der René-Imitator und wies mit seinem imaginären Golfschläger feldherrisch wie Rommel auf ein weit entferntes, imaginäres Sandhindernis – ein El Alamein für Golfbälle gewissermaßen.
„Bei der letzten Meisterschaft haben das nur
vier Profis versucht. Drei von ihnen sind daran gescheitert. Du wirst wieder in
die Düne hauen.“
„Nein, diesmal schlage ich ihn mit dem Zweiten über die Bäume. You look!“
„Nein, diesmal schlage ich ihn mit dem Zweiten über die Bäume. You look!“
Der imaginäre Abschlag erfolgte, und beide
Darsteller taten so, als schauten sie dem Ball hinterher. Dann beschatteten sie
am Ende noch mit der Hand übertrieben
theatralisch ihre Augen:
„Ich glaube, du liegst wieder im Wald…“
„Ich glaube, du liegst wieder im Wald…“
„Nein, diesmal liege ich goldrichtig. Das
wird der erste ‚Eagle“ auf dieser Bahn.“
Weiter ging die Vorstellung nicht, weil sie
von einem lauten Zwischenruf unterbrochen wurde. Urmel hatte sich sichtbar mühsam erhoben und schrie: „Ihr wart nicht dabei! Ihr wart nicht dabei!
Ihr habt keine Ahnung von Visionen und dem Wunsch nach absoluter Perfektion!“
Johannes war sich sicher, dass nur einige
wenige diesen Ausbruch verstehen konnten. Der überwiegende Teil der Gäste
schaute Urmel nur verständnislos
hinterher, als er leicht schwankend die Belle Étage verlassen und die Treppe
zum Pub hinuntergehen wollte. In seinem Suff hatte Urmel nicht gemerkt, dass sein Zwischenruf auf Deutsch erfolgt war.
Und auch als er sich am Treppenabsatz noch einmal umdrehte, ging seine Tirade
in Deutsch weiter:
„Da wart ihr ihm alle die ganzen Jahre so nah
und habt nichts von ihm begriffen. Ihr könntet noch hundert Jahre über ihn
reden und würdet ihm doch nie gerecht werden. – Geschweige denn kapieren, was
für ein Verlust sein Tod für euer langweiliges Leben bedeutet. Ihr lasst euch
ja noch ein halbes Jahr nach seinem Abgang hier von ihm an der Nase herumführen.“
Johannes war auch nicht unmittelbar bei
dieser Golf-Geschichte dabei gewesen, die im Laufe der Jahre viele
Erzähl-Varianten erfahren hatte. Aber er war zumindest näher dran gewesen als alle
an dieser Festtafel.
Weil er ein besseres Handicap hatte als Urmel
und René, war er an dem besagten Tag vier Flights
früher wieder im Clubhaus gewesen. Auf der Terrasse über dem letzten Green
bekam er mit, dass der Coursemarshall
und der Schiedsrichter über Funk zum Abschlag 18 gerufen wurden, weil es Ärger
mit René gegeben habe. Ohne nachzudenken war er dann - Schlimmes ahnend - mit auf den Cart gesprungen…
Kritiker und Anhänger des Golfsports sagen diesem
ja nach, dass er wie kein anderes Spiel sämtliche Vorzüge und Schwächen eines
Charakters gleichermaßen und mitunter auch auf einmal zum Vorschein bringt. So
gesehen, waren die Ereignisse auf der
17. Bahn exemplarisch für das Wesen Renés gewesen.
Sechzehn Löcher hatte er bei diesem Turnier
weit über seine Verhältnisse gespielt, weil er entspannt und ruhig nur das
versucht hatte, was ihm an spielerischen Mitteln zu Verfügung stand. Da er
nicht einen Streicher produziert hatte, konnte er auf der schwersten Bahn des
Kurses bei der Stableford-Zählweise
ohne Schaden für sein Ergebnis etwas riskieren, was den Visionär und den
Perfektionisten in ihm im Erfolgsfall befriedigen und in die Club-Annalen
bringen würde. In das doppelte „Dogleg“
par 5 ragte am Scheitelpunkt von rechts eine bewaldete Dünenzunge, ein
Hindernis von etwa zwanzig Metern Höhe nach rechts ansteigend. Selbst die
Profis spielten die volle Länge der Bahn mit jeweils zwei leicht gehookten
Treibschlägen aus. Dabei liefen auch die Besten nicht selten Gefahr, wenn sie
den Scheitel der Zunge nicht überspielt hatten, mit dem zweiten Schlag im See
zu landen, der aus dem 17. Grün gemeiner Weise eine Insel machte. Anhand des
Birdie-Buchs hatte René mit zunehmender Spielstärke seine Vision entwickelt,
die Fahne auch ohne Superdrives trotz des Walds auf direktem Weg mit nur zwei
Schlägen zu erreichen. Auf den privaten Runden hatten sich seine Mitspieler mit
diesem altersstarrsinnigen Hirngespinst längst resignierend arrangiert, da es ohnehin eine Schlagpräzision
verlangt hätte, die René in seinem Leben nie mehr erreichen würde. So war
wenigstens für Getränke gesorgt, denn der schlechteste Scorer zahlte immer die Runde im Clubhaus… Und wenn er die 17 so
spielte, zahlte René immer.
In jenem Turnier-Flight spielte er nur mit Leuten von Auswärts, die er nicht kannte.
Er war nicht nur der Älteste, sondern auch der mit dem höchsten Handicap.
Trotzdem hatte er vom zweiten Loch an die Ehre, als Erster abzuschlagen, was
seine Mitspieler natürlich wurmte, obwohl sie seinem einzigartigen Lauf
vordergründig fair applaudierten.
Auf der 17. Bahn ging René nicht mit einem
Holz an den Abschlag, sondern wählte das 5er-Eisen. Er spielte nicht nach
links, sondern auf den Wald zu, vor dem der Ball offenbar in einer Senke aus
dem Sichtfeld verschwand. Die drei anderen spielten so konservativ, wie sie es
vermochten. Wobei den Zähler von René, einen Deutschen, die Höchststrafe
ereilte. Sein Ball landete zu kurz an der Spitze der Zunge im Dünensand, was
mindestens einen kurzen Befreiungsschlag zusätzlich erzwang. Wenn er sich
darüber ärgerte, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Da René am kürzesten
lag, folgte ihm der Deutsche zu seinem Ball. Wochenlang hatten schwere
Regenfälle die Fairways aufgeweicht,
aber seit einigen Tagen hatte sich die Sommersonne endgültig durchgesetzt und
die Bahnen fest und hart gemacht. Darauf hatte René gebaut und zwischen die
blauen Pfosten gezielt, die die Mulde als vorübergehendes Wasserhindernis
gekennzeichnet hatten. Der Ball lag – genau wie es René erhofft hatte – im
flachen Teil der Mulde, die diesen daran gehindert hatte, unspielbar auf den
sandigen Waldboden weiter zu rollen. So würde ihn ein völlig normaler, gerader
Schlag mit dem 8er-Eisen steil auf das Green bringen. Und selbst wenn der Ball
dann davor oder seitlich ins Wasser hüpfen würde, war immer noch die Chance auf
viele Punkte gewahrt. Aber René hatte den „Eagle“
im Kopf, sonst wäre er nicht so ignorant über den weißen Kreidekreis in die
Mulde hinunter gestiegen. Er nahm Blick-Kontakt zu den beiden anderen
Mitspielern am Scheitel der Bahn auf, und als die signalisierten, er könne
spielen, konzentrierte er sich wie noch nie in seinem Leben.
Ein stilistisch perfekter Swing beförderte
seinen Ball mit dem zweiten Schlag nicht nur aufs Grün, sondern auch
aussichtsreich an die Fahne. Allein das hätte am Abend bei der Party schon für
Gesprächsstoff genug gesorgt. Sein Zähler bekam seinen Ball erst mit dem
insgesamt sechsten Schlag aus dem Sand, während der Franzose, den René zu
zählen hatte, bravourös mit dem dritten in der Nähe der Fahne landete. Es war
Euphorie angesagt, und Jubel brach aus, als der Franzose ein solides Par
erzielte und René, der selbst mit dem Zweiten näher gelegen hatte, cool wie
Tiger Woods mit einem Putt zum historischen „Eagle“
einlochte.
Beim Warten am nächsten Abschlag wurden die Score-Karten geschrieben. René notierte das Par seines Mitspielers und seine 3 gerade voller Stolz, als er aus den Augenwinkeln bemerkte wie sein Zähler verdächtig lang in seiner Score-Karte herumkritzelte. Neugierig schaute er dem Deutschen über die Schulter und sah, dass dieser ihm zwei Strafschläge hinzugerechnet hatte – also auch „nur“ ein Par notierte. Aber am Rande der Karte empfahl, das Ergebnis wegen Regelverstoßes ganz zu streichen. René hatte die ganze Zeit darauf verzichtet, mit seinem Zähler Deutsch zu sprechen und den lieber auf Französisch radebrechen lassen. Jetzt in seiner Empörung gab er diese Haltung auf und schnauzte den Mann regelrecht an:
Beim Warten am nächsten Abschlag wurden die Score-Karten geschrieben. René notierte das Par seines Mitspielers und seine 3 gerade voller Stolz, als er aus den Augenwinkeln bemerkte wie sein Zähler verdächtig lang in seiner Score-Karte herumkritzelte. Neugierig schaute er dem Deutschen über die Schulter und sah, dass dieser ihm zwei Strafschläge hinzugerechnet hatte – also auch „nur“ ein Par notierte. Aber am Rande der Karte empfahl, das Ergebnis wegen Regelverstoßes ganz zu streichen. René hatte die ganze Zeit darauf verzichtet, mit seinem Zähler Deutsch zu sprechen und den lieber auf Französisch radebrechen lassen. Jetzt in seiner Empörung gab er diese Haltung auf und schnauzte den Mann regelrecht an:
„Was soll denn das jetzt heißen? Das
zeitweilige Wasserhindernis war doch ausgetrocknet und wie jeder hier sehen
konnte, bestens bespielbar. Also kein Regelverstoß.“
„Sie haben wohl die weiße Kreide-Markierung
übersehen. Das habe ich mir gleich gedacht, als Sie nicht straffrei außerhalb
des Kreises gedropt haben. Das war doch
eindeutig Boden in Ausbesserung!“
René, der Platz und Greenkeeper schon so lange kannte, war wohl unterbewusst davon
ausgegangen, dass man nur vergessen hatte, den Kreidekreis ganz zu entfernen,
nachdem die Mulde trocken war. Sein „Eagle“
wäre deshalb vielleicht zu retten gewesen, wenn er mit dem Protest gegen diese
Wertung bis zum Clubhaus gewartet hätte. Aber er konnte bei seinem Temperament
einfach nicht darauf verzichten, den Deutschen nun mit dem übertrieben
parodistischen Offizierstonfall aus französischen Kriegsklamotten-Filmen in die
Nazi-Ecke zu stellen.
Als René sich danach mühsam beherrscht auf
den letzten Abschlag konzentrierte, rächte sich der Beckmesser in seinem
holperigen Menükarten-Französisch:
„Sie haben nicht die Ehre Monsieur. Sie haben
überhaupt keine Ehre. Bei gleichem Score hätte auch so der die Ehre, der das
niedrigere Handicap hat.“
Da hatte bei René die dunkle Seite der Macht
endgültig die Oberhand gewonnen. Er stürzte sich mit seiner Athletik auf den
Mann der deutlich jünger war, aber älter und verletzlicher aussah. Die beiden
anderen Mitspieler waren immer noch dabei, die beiden Streithähne auseinander
zu zerren, als Schiedsrichter und Coursemarshall
mit Johannes im Schlepp angebraust kamen.
Als sie René noch an Ort und Stelle wegen
Unsportlichkeit disqualifizierten, nahm der sein beinahe legendär zum Excalibur
gewordenes 8er-Eisen und warf es rekordverdächtig weit in den See hinaus. – Was
ihm zusätzlich eine Woche Platzsperre eintrug.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen