Freitag, 24. Januar 2014

Strohfeuer

4. Kapitel
   Zum dritten Gang gab es die nur Finger dicken Gironde-Aale auf Wildreis aus der Camargue. Aber das waren nicht die in Knoblauch und Petersilie gerösteten, zerhackten Teile an der Gräte, wie sie die einfachen Fischrestaurants Aquitaniens direkt mit der Pfanne auf den Tisch hauen, sondern sorgfältig  von allem befreite, hauchzarte Filets. Sie waren nur in Safranbutter mit etwas gestoßenem, roten Pfeffer gereift, und wurden von geschmorten Herbsttrompeten begleitet. Das passte besser zu den Rotweinen.
  Urmel hatte von dieser meisterhaften Komposition nur noch Gabelspitzen probiert. Ein untrügliches Zeichen, dass er bereits auf zwanghafte Flüssig-Ernährung umgestellt hatte, bevor ihn Maurice doch noch zu einem seiner witzigen Stegreif-Vorträge hätte animieren können. In diesen Rede freien Raum stießen nun zwei aus der Golf-Clique vor, zu denen Johannes nur bei Turnieren Kontakt gehabt hatte, weil er sie ansonsten mied. Maurice hatte die Golfer zwar einzeln so weit auseinander gesetzt, damit sich die Tischgespräche auch um andere Themen ranken konnten, aber das hatte nicht verhindert, dass diese beiden sich zu ihrer kabarettistisch gemeinten Darbietung abgesprochen hatten. Vermutlich hätte René sogar am lautesten über den Sketch gelacht, den sie sich ausgedacht hatten. Aber Johannes war doch ein wenig pikiert, weil sich René ja nicht mehr selbst wehren konnte und ihm diese wenig schmeichelhafte Episode noch aus der eigentlich gesunden Zeit nach hing.
  Die beiden markierten zwei Golfer am Abschlag, von denen der eine durch Körperhaltung und den nachdrücklich abgehackten Redestil unverkennbar René sein sollte. Der andere  redete deutlich beschickert  und war an seiner zusammengefallenen Körperhaltung unschwer als „Urmel“ zu identifizieren. Wer es nicht gleich kapiert hatte, kam sofort drauf, als der unverkennbare „accent boche’’ des Deutschen imitiert wurde. Urmel selbst schien das nicht zu stören – er schien überhaupt nicht mehr zuzuhören:
 „René“ machte einen Probeschwung mit entsprechend konzentrierter Miene.
  „Willst du wirklich wieder direkt spielen. Wenn du die 17 streichen musst, hast du deinen tollen Score versaut.“
  „You look!“, sagte der René-Imitator und wies mit seinem imaginären Golfschläger feldherrisch wie Rommel auf ein weit entferntes, imaginäres Sandhindernis – ein El Alamein für Golfbälle gewissermaßen.
  „Bei der letzten Meisterschaft haben das nur vier Profis versucht. Drei von ihnen sind daran gescheitert. Du wirst wieder in die Düne hauen.“
   „Nein, diesmal schlage ich ihn mit dem Zweiten über die Bäume. You look!“
  Der imaginäre Abschlag erfolgte, und beide Darsteller taten so, als schauten sie dem Ball hinterher. Dann beschatteten sie am Ende  noch mit der Hand übertrieben theatralisch ihre Augen:
  „Ich glaube, du liegst wieder im Wald…“
  „Nein, diesmal liege ich goldrichtig. Das wird der erste ‚Eagle“ auf dieser Bahn.“
  Weiter ging die Vorstellung nicht, weil sie von einem lauten Zwischenruf unterbrochen wurde. Urmel hatte sich sichtbar mühsam erhoben und schrie:  „Ihr wart nicht dabei! Ihr wart nicht dabei! Ihr habt keine Ahnung von Visionen und dem Wunsch nach absoluter Perfektion!“
  Johannes war sich sicher, dass nur einige wenige diesen Ausbruch verstehen konnten. Der überwiegende Teil der Gäste schaute Urmel nur verständnislos hinterher, als er leicht schwankend die Belle Étage verlassen und die Treppe zum Pub hinuntergehen wollte. In seinem Suff hatte Urmel nicht gemerkt, dass sein Zwischenruf auf Deutsch erfolgt war. Und auch als er sich am Treppenabsatz noch einmal umdrehte, ging seine Tirade in Deutsch weiter:
  „Da wart ihr ihm alle die ganzen Jahre so nah und habt nichts von ihm begriffen. Ihr könntet noch hundert Jahre über ihn reden und würdet ihm doch nie gerecht werden. – Geschweige denn kapieren, was für ein Verlust sein Tod für euer langweiliges Leben bedeutet. Ihr lasst euch ja noch ein halbes Jahr nach seinem Abgang hier von ihm an der Nase herumführen.“
  Johannes war auch nicht unmittelbar bei dieser Golf-Geschichte dabei gewesen, die im Laufe der Jahre viele Erzähl-Varianten erfahren hatte. Aber er war zumindest näher dran gewesen als alle an dieser Festtafel.
    Weil er ein besseres Handicap  hatte als Urmel und René, war er an dem besagten Tag vier Flights früher wieder im Clubhaus gewesen. Auf der Terrasse über dem letzten Green bekam er mit, dass der Coursemarshall und der Schiedsrichter über Funk zum Abschlag 18 gerufen wurden, weil es Ärger mit René gegeben habe. Ohne nachzudenken war er  dann - Schlimmes ahnend - mit auf den Cart gesprungen…
  Kritiker und Anhänger des Golfsports sagen diesem ja nach, dass er wie kein anderes Spiel sämtliche Vorzüge und Schwächen eines Charakters gleichermaßen und mitunter auch auf einmal zum Vorschein bringt. So gesehen, waren  die Ereignisse auf der 17. Bahn exemplarisch für das Wesen Renés gewesen.
  Sechzehn Löcher hatte er bei diesem Turnier weit über seine Verhältnisse gespielt, weil er entspannt und ruhig nur das versucht hatte, was ihm an spielerischen Mitteln zu Verfügung stand. Da er nicht einen Streicher produziert hatte, konnte er auf der schwersten Bahn des Kurses bei der Stableford-Zählweise ohne Schaden für sein Ergebnis etwas riskieren, was den Visionär und den Perfektionisten in ihm im Erfolgsfall befriedigen und in die Club-Annalen bringen würde. In das doppelte „Dogleg“ par 5 ragte am Scheitelpunkt von rechts eine bewaldete Dünenzunge, ein Hindernis von etwa zwanzig Metern Höhe nach rechts ansteigend. Selbst die Profis spielten die volle Länge der Bahn mit jeweils zwei leicht gehookten Treibschlägen aus. Dabei liefen auch die Besten nicht selten Gefahr, wenn sie den Scheitel der Zunge nicht überspielt hatten, mit dem zweiten Schlag im See zu landen, der aus dem 17. Grün gemeiner Weise eine Insel machte. Anhand des Birdie-Buchs hatte René mit zunehmender Spielstärke seine Vision entwickelt, die Fahne auch ohne Superdrives trotz des Walds auf direktem Weg mit nur zwei Schlägen zu erreichen. Auf den privaten Runden hatten sich seine Mitspieler mit diesem altersstarrsinnigen Hirngespinst längst resignierend  arrangiert, da es ohnehin eine Schlagpräzision verlangt hätte, die René in seinem Leben nie mehr erreichen würde. So war wenigstens für Getränke gesorgt, denn der schlechteste Scorer zahlte immer die Runde im Clubhaus… Und wenn er die 17 so spielte, zahlte René immer.
  In jenem Turnier-Flight spielte er nur mit Leuten von Auswärts, die er nicht kannte. Er war nicht nur der Älteste, sondern auch der mit dem höchsten Handicap. Trotzdem hatte er vom zweiten Loch an die Ehre, als Erster abzuschlagen, was seine Mitspieler natürlich wurmte, obwohl sie seinem einzigartigen Lauf vordergründig fair applaudierten.
  Auf der 17. Bahn ging René nicht mit einem Holz an den Abschlag, sondern wählte das 5er-Eisen. Er spielte nicht nach links, sondern auf den Wald zu, vor dem der Ball offenbar in einer Senke aus dem Sichtfeld verschwand. Die drei anderen spielten so konservativ, wie sie es vermochten. Wobei den Zähler von René, einen Deutschen, die Höchststrafe ereilte. Sein Ball landete zu kurz an der Spitze der Zunge im Dünensand, was mindestens einen kurzen Befreiungsschlag zusätzlich erzwang. Wenn er sich darüber ärgerte, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Da René am kürzesten lag, folgte ihm der Deutsche zu seinem Ball. Wochenlang hatten schwere Regenfälle die Fairways aufgeweicht, aber seit einigen Tagen hatte sich die Sommersonne endgültig durchgesetzt und die Bahnen fest und hart gemacht. Darauf hatte René gebaut und zwischen die blauen Pfosten gezielt, die die Mulde als vorübergehendes Wasserhindernis gekennzeichnet hatten. Der Ball lag – genau wie es René erhofft hatte – im flachen Teil der Mulde, die diesen daran gehindert hatte, unspielbar auf den sandigen Waldboden weiter zu rollen. So würde ihn ein völlig normaler, gerader Schlag mit dem 8er-Eisen steil auf das Green bringen. Und selbst wenn der Ball dann davor oder seitlich ins Wasser hüpfen würde, war immer noch die Chance auf viele Punkte gewahrt. Aber René hatte den „Eagle“ im Kopf, sonst wäre er nicht so ignorant über den weißen Kreidekreis in die Mulde hinunter gestiegen. Er nahm Blick-Kontakt zu den beiden anderen Mitspielern am Scheitel der Bahn auf, und als die signalisierten, er könne spielen, konzentrierte er sich wie noch nie in seinem Leben.
  Ein stilistisch perfekter Swing beförderte seinen Ball mit dem zweiten Schlag nicht nur aufs Grün, sondern auch aussichtsreich an die Fahne. Allein das hätte am Abend bei der Party schon für Gesprächsstoff genug gesorgt. Sein Zähler bekam seinen Ball erst mit dem insgesamt sechsten Schlag aus dem Sand, während der Franzose, den René zu zählen hatte, bravourös mit dem dritten in der Nähe der Fahne landete. Es war Euphorie angesagt, und Jubel brach aus, als der Franzose ein solides Par erzielte und René, der selbst mit dem Zweiten näher gelegen hatte, cool wie Tiger Woods mit einem Putt zum historischen „Eagle“ einlochte.
  Beim Warten am nächsten Abschlag wurden die Score-Karten geschrieben. René notierte das Par seines Mitspielers und seine 3 gerade voller Stolz, als er aus den Augenwinkeln bemerkte wie sein Zähler verdächtig lang in seiner Score-Karte herumkritzelte. Neugierig schaute er dem Deutschen über die Schulter und sah, dass dieser ihm zwei Strafschläge hinzugerechnet hatte – also  auch „nur“ ein Par notierte. Aber am Rande der Karte empfahl, das Ergebnis wegen Regelverstoßes ganz zu streichen. René hatte die ganze Zeit darauf verzichtet, mit seinem Zähler Deutsch zu sprechen und den lieber auf Französisch radebrechen lassen. Jetzt in seiner Empörung gab er diese Haltung auf und schnauzte den Mann regelrecht an:
  „Was soll denn das jetzt heißen? Das zeitweilige Wasserhindernis war doch ausgetrocknet und wie jeder hier sehen konnte, bestens bespielbar. Also kein Regelverstoß.“
  „Sie haben wohl die weiße Kreide-Markierung übersehen. Das habe ich mir gleich gedacht, als Sie nicht straffrei außerhalb des Kreises gedropt  haben. Das war doch eindeutig Boden in Ausbesserung!“
  René, der Platz und Greenkeeper schon so lange kannte, war wohl unterbewusst davon ausgegangen, dass man nur vergessen hatte, den Kreidekreis ganz zu entfernen, nachdem die Mulde trocken war. Sein „Eagle“ wäre deshalb vielleicht zu retten gewesen, wenn er mit dem Protest gegen diese Wertung bis zum Clubhaus gewartet hätte. Aber er konnte bei seinem Temperament einfach nicht darauf verzichten, den Deutschen nun mit dem übertrieben parodistischen Offizierstonfall aus französischen Kriegsklamotten-Filmen in die Nazi-Ecke zu stellen.
  Als René sich danach mühsam beherrscht auf den letzten Abschlag konzentrierte, rächte sich der Beckmesser in seinem holperigen Menükarten-Französisch:
  „Sie haben nicht die Ehre Monsieur. Sie haben überhaupt keine Ehre. Bei gleichem Score hätte auch so der die Ehre, der das niedrigere Handicap hat.“
  Da hatte bei René die dunkle Seite der Macht endgültig die Oberhand gewonnen. Er stürzte sich mit seiner Athletik auf den Mann der deutlich jünger war, aber älter und verletzlicher aussah. Die beiden anderen Mitspieler waren immer noch dabei, die beiden Streithähne auseinander zu zerren, als Schiedsrichter und Coursemarshall mit Johannes im Schlepp angebraust kamen.
  Als sie René noch an Ort und Stelle wegen Unsportlichkeit disqualifizierten, nahm der sein beinahe legendär zum Excalibur gewordenes 8er-Eisen und warf es rekordverdächtig weit in den See hinaus. – Was ihm zusätzlich eine Woche Platzsperre eintrug.



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