Donnerstag, 17. Oktober 2024

Bilder-Geschichten 48

Mischtechnik Acryl, Öl, Bellini-Gold und Gouache, Castello um 2020


Mit Zuckerbrot und Peitsche

Vermutlich werden sich in ein paar
Jahrzehnten nur noch wenige,
elitäre Philosophie-Studenten
mit Friedrich Nietzsche beschäftigen.
Mein Lebenslauf wurde von dem
stets heftig interpretierten Philosophen
auf merkwürdig aphoristische Weise
immer wieder tangiert. 
Im Rückblick denke ich da an Vorsehung :
Es begann damit, dass ich als
Verlagslehrling im dritten Jahr
in der Herstellung die Druck-Fahnen
einer Taschenbuch-Neuauflage
von "Also sprach Zarathrustra"
mit Tipometer und Bleistift
umbrechen musste. Heute
geht das mit dem Computer 
auf Knopfdruck, aber damals
musste man - wenn Seiten-Kopf
und -Fuß nicht glatt begannen oder endeten -
bei Werktreue als Vorgabe detailliert lesen,
um "Schusterjungen" und
"Hurenkinder" zu vermeiden...
Ich stand damals mehr auf Hermann Hesse.
Aber dann blieb von dieser "Zwangslektüre" 
doch überraschend viel hängen, obwohl ich
 Nietzsche 
da schon nicht ganz folgen
konnte und vieles für überholtes
Altmänner-Geschwafel hielt.
Keine zwei Jahrzehnte später trat eine
junge Frau leider viel zu kurz in mein
Leben, die unter international anerkannter,
fachlicher Beurteilung eine mit
magna cum laude ausgezeichnete
Doktorarbeit über Nietzsches
"vita femina" verfasst hatte.
Sie konnte aber überqualifiziert dennoch
keine Arbeit finden und hatte sich
als Chef-Sekretärin bei mir beworben.
Um es kurz zu machen: Sie verließ
mich als beste Schlussredakteurin ever
 ein paar Jahre später,
um in Berlin ein Buch zum
Tempelhof-Jubiläum heraus zu geben.
Kurze Zeit später starb sie - quasi
wie ein Kind den "Sudden Infant Death".
Für immer sind mir unsere meist
witzigen Interpretations-Kabbeleien
über diverse Aphorismen in Erinnerung
geblieben.  Vor allem wenn es um
Nietzsches viel zitierten Spruch ging:
"Wenn du zum Weibe gehst,
vergiss die Peitsche nicht!"
Ich bin immer noch der Meinung,
dass er damit die "Geißel" Syphilis
meinte, an der der  Philosoph kläglich
eingegangen ist. Aber es war eben
auch die Zeit von Bismarcks Politik
mit "Zuckerbrot und Peitsche",
unter der Intellektuelle im
19. Jahrhundert zu leiden und gegen die
sie sich verklausuliert zu wehren hatten.
Mein ironisch gemeintes Bild,
war eigentlich zu meinem Manuskript
"Strohfeuer" gedacht (hier in diesem Blog
 veröffentlicht), in dem ich ihrem
weiblichem Genie als Figur in meiner
Erzählung ein Denkmal setzen wollte.

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