Samstag, 9. November 2013

Asta

  Nachdem Johannes 1959 auf einmal mehr amerikanische Nachbarn hatte als deutsche, war ein merkwürdiger Wandel in ihm vorgegangen. Da er, seit er kaum laufen konnte, ständig neuen Nationalitäten begegnet war und ihre Eigenschaften zu unterscheiden und schätzen gelernt hatte, befiel ihn bei dem neuen Nebenan etwas, was ihm bis dahin auf keiner Reise passiert war: Er spürte Neid und Eifersucht.
  Wenn er an der Atlantik-Küste in den Kinder-Clubs mit den kleinen Franzosen gespielt hatte, begeisterte ihn deren spontan sportliches Gruppenverhalten. Mit italienischen Bambini war es das lange Aufbleiben und das Spielen im sommerlich lauen Mysterium  halbdunkler Städte und Strände. Österreichische Kinder, die er überwiegend in den noch bescheidenen Bergdörfern der Vor-Skiboom-Zeit erlebte, hänselten ihn erst als Piefke, tauten dann aber bei gemeinsamen Ski- und Rodel-Abenteuern auf. Rückblickend konnte er sich auch bei den Türken und Jugoslawen, den Dänen und den Holländern an keine eigenen Disharmonien erinnern, obwohl die vielleicht allen Grund gehabt hätten, Ressentiments gegenüber einem vorlauten, hyperaktiven, semmelblonden deutschen Knaben auszuleben.
  Der in dieser Bogenhausener Wohnanlage zur Schau gestellte "American Way of Life" jedoch war einschüchternd. In Frankreich und Italien war das Essen besser als in Deutschland. In Österreich waren die Berge höher und in Skandinavien und den Benelux-Staaten waren die sichtbaren und unsichtbaren Spuren des Krieges schneller überwunden gewesen. Aber die kleinen Amis hatten alles im Überfluss und mussten offenbar nicht lange bitten und betteln, um die tollsten Fahrräder, täuschend echte Western-Schießprügel und ausgefallene Anziehsachen zu bekommen. Sie durften auch zu jeder Tageszeit an den Kühlschrank, um sich und die Mitspieler mit Coke zu versorgen, die in der Familie Goerz wegen des darin enthalten Koffeins nur den Erwachsenen vorbehalten blieb. Wenn die Kids Icecream wollten, nahmen sie sich einfach welche. Für Johannes war so etwas ein "Sonntagsvergnügen".
  Während Mutter Rita sich ein ums andere Mal theatralisch um die Herzgegend zwischen ihre stattlichen Brüste fasste, wenn Johannes wieder einmal beim Spielen an die Risikogrenze gegangen war, gehörte der "Thrill" bei den neuen Spielgefährten dazu. Denn man musste sich irgendwie permanent beweisen. Duffy Tight, Nummer Sieben oder Acht der Konsulensippe - so genau hatte Johannes damals den Überblick noch nicht -  war einmal im Rahmen einer Mutprobe auf eine Birke geklettert, die in etwa zehn Meter Höhe in der Krone so weich wurde, dass sie sich unter dem Gewicht des Knaben bedenklich bei jeder weiteren Bewegung zur Seite neigte. Für Duffy schien es kein Vor oder Zurück mehr zu geben. Also raste man quer über die Spielwiese, um Vater Trevor zu holen.
  Der hetzte nicht auf wie Walter Goerz es getan hätte, sonder kam gemessenen Schrittes, besah sich das ganze und meinte nur lapidar:
  "Du bis hoch gekommen, dann kommst du auch wieder runter."
Der Satz, den er jedoch nachschickte, blieb, nachdem er ihn sich von Dr. Mausele hatte übersetzen lassen, für immer im Gedächtnis von Johannes:
  "Use your skills!" Nütze deine Fähigkeiten.
  Das war schon etwas Besonderes. Obwohl Duffy eindeutig etwas "ausgefressen" hatte, wurde er nicht geschimpft, sondern im Gegenteil. Der Vater war obendrein überzeugt, dass Duffy über Fähigkeiten verfügte, auf die Verlass war. Ja, so war das. Die Amis waren cooler. Die Väter liefen am Wochenende in abgeschnittenen und ausgefransten Jeans, Polohemden oder T-Shirts herum, während Vater Goerz die dauergebundenen Krawatten noch nicht einmal zum Bergsteigen oder Skilauf ablegte. Es schien für die Daddys in ihrer Freizeit nichts Tolleres zu geben, als mit den Kindern herum zu toben. Dabei galt "goin' rough" im American Football, das Johannes bald mehr schätzte als Fußball, den die Amis wiederum "Soccer" nannten, für alle.
  Undenkbar, dass sich Johannes, um seinen Vater aus vollem Lauf zu Fall zu bringen, per Hechtsprung um seine Hüfte geklammert hätte. Da wäre Walter Goerz auch viel zu wehleidig für gewesen, denn er hatte ja die 50 bereits deutlich überschritten. 
  Einer der Navy-Seals von schräg gegenüber wies den in der Vorpubertät schon mächtig aufgeschossenen Johannes einmal aus heiterem Himmel bei einer Kinder-Gartenparty vor den anderen an, ihn von allen Seiten anzugreifen, als ginge es ums Überleben. Ein ums andere Mal hebelte ihn der bereits etwas kleinere Mann mit  Leichtigkeit aus und ließ ihn so ungebremst auf den Rasen krachen, dass jeder Knochen erschüttert wurde. Der Mann hatte dabei einen vernichtenden Gesichtsausdruck, als gelte es noch einen "Kraut" aus dem Krieg kalt zu machen. Da begriff Johannes, dass es hier nicht um Spiel, sondern um eine besondere US-amerikanische Form des Lernens ging. Ein halbes dutzend Mal krachte es noch, dann hatte ihm der Marine unter Schmerzen beigebracht, dem Aufprall durch eine Abfolge unsichtbarer Reaktionen komplett die Wucht zu nehmen. Nach weiteren sechs Hebeln hatte Johannes zumindest einen der hundert Gegenhebel abgeschaut und begriffen, die der Elite-Soldat draufhatte. Der Mann segelte seinerseits - sichtlich überrascht. Als er mit einem Grinsen wieder auf die Beine sprang, legte er den Arm um Johannes, diesmal aber nicht, um ihn hinterrücks zu Fall zu bringen:
  "I think Pow, you're ready for your first beer."
  Johannes war in dieser Phase seines Lebens wirklich traurig, kein Ami zu sein.

  Mehr als ein Jahrzehnt und einige Reisen in die USA sollte es dauern, bis Johannes begriff, dass der damalige Lebensstil in den Housing-Areas nichts mit dem wirklichen "Way of Life" zu tun hatte, den es vielleicht in den Fifties so ähnlich tatsächlich da oder dort in den USA gegeben haben mag. - Und der dann in Filmen wie American Graffity von George Lucas nostalgisch erhöht wurde. Tatsächlich war es so, dass der jeweilige Überfluss, den die im Ausland agierenden Amerikaner genossen, der Ausgleich und Preis  dafür war, niemals sesshaft zu sein, keine Heimat ihr Eigen zu nennen, Freundschaften auf Dauer nicht zu kennen und im Alter mit zerrissenen Familien da zu stehen.
  Einen Eindruck davon sollte Johannes bekommen, ohne ihn da schon entsprechend zu begreifen, als er sich im Alter von 17 auf den ersten Blick in die Tochter neuer Nachbarn verliebte. Aretha Nilson, aus deren Vornamen bei den älteren Deutschen Nachbarn eingedenk der Stummfilm-Heroine Nielsen der Spitzname Asta geworden war, saß eines Tages zu Hause auf der elterlichen Couch wie eine Divan-Puppe. Neben ihr hätte eigentlich nur noch ein Zierkissen mit Knick gefehlt. Die Frechheit war, Aretha hatte mit der arisch verklärten Asta nicht nur den Nachnamen nicht gemeinsam. Sie war auch kohlrabenschwarz, was man damals noch so gerade sagen durfte. Sie war nur 149 Zentimeter hoch und wog, was Johannes wegen ihres zügellosen Temperaments bald schätzen lernen sollte, nur etwas über vierzig Kilo. Obwohl anderthalb Jahre älter als ihr Objekt der Begierde hatte sie schnurstracks die Initiative übernommen. Miss Nilson war nämlich gekommen, um den Eltern Goerz wegen ihres netten Sohnes die Aufwartung zu machen. Sie stehe vor dem College-Abschluss und müsse bis dahin jemanden haben, mit dem sie ihr Deutsch vertiefen könne, weil das eines ihrer Hauptfächer sei, und da doch Johannes in ihrem Alter sei...
  Asta war die Tochter eines - wie es heute heißt - Afroamerikaners aus Baltimore. Er war ein gefragter Nachrichtentechniker und hatte im Krieg eine Honkong-Chinesin geheiratet, die als Dolmetscherin für den Secret-Service gearbeitet hatte. Die auch von den jeweiligen Behörden nicht geschätzte Mesalliance hatte nur funktioniert, weil beide über Spezialwissen verfügten, und nie lange genug an einem Ort gewesen waren, um "Intoleranzen" aufkommen zu lassen. - Bis Aretha zur Welt kam, und die entstehende Bundesrepublik wegen ihrer nachrichtendienstlichen Bedeutung eine geeignete  Dauerresidenz für alle drei zu werden versprach.
  Aretha war in Frankfurt auch auf eine deutsche Volksschule gegangen. In Wirklichkeit sprach sie so gut Deutsch wie Johannes und konnte sogar auf Kommando Hessisch babbeln. Sie brauchte niemanden für nichts. Im Gegenteil, seit sie später am Munich-College mit einem IQ von über 150 in die US-elitäre "Radarfalle" gerast war, verging quasi kein Tag, an dem nicht ein Scout aus dem für sie ja noch unbekannten Heimatland mit einem Stipendium nach dem Übertritt lockte.
  Was Aretha bei aller Intelligenz jedoch nicht bewältigte, war die Tatsache, dass sie sich in den jungen Deutschen, mit dem sie nur etwas herummachen wollte, derart verlieben würde. Wer vom Kino, Fernsehen und der Literatur als American Teeny vorgelebt bekam, dass es um die große Liebe zu kämpfen galt, der folgte natürlich diesem Vorbild.
  Während Johannes die in dieser Stärke noch nie verspürten Gefühle als ein Naturereignis hinnahm wie einen schönen Sommer, erreichte das ganze bei Aretha fundamentale Ausmaße. Sie schlug Johannes, dem Schulversager, dem nie was zu Ende Bringenden, Flatterhaften vor, mit ihr nach Amerika zu kommen, wo er mit seiner Mittleren Reife direkt auf das College hätte gehen können. Das klang zunächst nach Freiheit und Abenteuer, aber da war ja in Deutschland noch die nicht erreichte Volljährigkeit vor, die damals erst mit 21 erlangt wurde. Die Erlaubnis von Muttertier Rita würde es nie und nimmer geben, und der Vater, der in Johannes immer noch "nur" einen zukünftigen Tankstellen-Pächter sah, würde seinen eingeborenen Sohn niemals der Gefahr aussetzen, in einem Slum zu enden. Und, jetzt kam es: Ob er sich überlegt habe, welche Probleme auf gemischt rassige, unverheiratete Paare zukämen...Und was wäre, wenn sie mal Kinder hätten?
  Für Johannes und seinen Freundeskreis war die Hautfarbe beim natürlichen Umgang mit Aretha nicht eine Sekunde ein Problem gewesen, aber ihm war instinktiv auch klar geworden, dass das wohl mit der Bildungsschicht zusammenhing, in der sie alle verkehrten. Da gab es andererseits schon dieses Erlebnis aus dem Biergarten am Aumeister, das sich in seiner Erinnerung eingenistet hatte:
  Da wollte er sich einmal mit Aretha auf noch freie Plätze an einen Biertisch setzen, und musste miterleben, wie seine Landsleute sich auf einmal ostentativ breit gemacht hatten und einer zu ihm sagte - so laut, dass es durch den Lärm alle hören konnten:
  "Schaug, dass di schwingst mit deiner Ami-Schicksen!"
  Aretha, die derlei Angriffe wohl schon aus ihrem Frankfurter Umfeld kannte, konnte gerade noch verhindern, dass Johannes trotz der Überzahl der anderen zum zweiten Mal in seinem Leben handgreiflich wurde. Sie erhob ihre soulige Stentor-Stimme, die sie als Professorin in den späten Siebzigern berühmt machen sollte und die überhaupt nicht zu ihrem kleinen Körper passte, derart, dass dieser Teil des Biergartens für einen Augenblick zur Ruhe kam:
  "Du musst die Tatsache, dass du absolut scharf auf mich bist, nicht mit rassistischen Ressentiments kompensieren. Oben schreien und unten fummeln, das setze ich mich doch sowieso lieber an einen anderen Tisch."
  Da hatten sie unter den Kastanien gebrüllt vor Lachen, und gleich am Nachbartisch waren sie zusammen gerückt, damit die beiden doch noch zu einem lustigen Nachmittag kamen.
  Die ergebnislose Diskussion in beiden Familien wurde dadurch unterbrochen, dass Aretha im Herbst 1966 zu einem Probesemester bei voller Kosten-Übernahme an die "University of Maryland" in der Geburtsstadt ihres Vaters, Baltimore, eingeladen wurde. Das halbe Jahr sollte beiden "zur Prüfung dienen", und wenn dann immer noch die Liebe alles überwöge, dann würde man schon eine gemeinsame Lösung finden.
  Dann kam aber der Winter mit der endgültigen Schulflucht von Johannes, die Amour fou mit Mariette und die nach diesem "Ausflug" dann zwangsweise verordnete Buchhändler-Lehre. Und dann war da wieder so ein kleinwüchsiges Mädchen in der Lehrlingsversammlung mit riesigen blauen Augen in einem Engelsgesicht, und Johannes lernte, erneut wie vom Blitz getroffen, dass die erste Liebe auf den ersten Blick eine weitere bei ihm offenbar nicht ausschloss.
  Fast neun Monate hatten Aretha und Johannes - abgesehen von einer lapidaren Weihnachts- und einer pinkfarbenen Valentinstag-Karte nicht miteinander kommuniziert. Das war noch schwierig und teuer damals. Doch kaum hatten sich Esther und Johannes nach temperamentvollen Auseinandersetzungen aufeinander eingestellt und sich eine wahre Liebe regelrecht erarbeitet, stand eines Tages ohne Vorankündigung Aretha vor der Tür.
  Die Eltern waren über das Wochenende verreist. Drinnen saß Esther, die sich es kleidungsmäßig schon etwas leichter gemacht hatte und draußen stand Aretha in einem weißen Hosenanzug mit Pailletten und leicht ausgestellten Hosen. Sie sah so hinreißend aus mit ihrer neuen „Afro-Frisur“ und blitzte mit ihren Zähnen, dass Johannes in einer idiotischen Fassungslosigkeit erstarrte. Es wäre ihm aber auch nie eingefallen, Aretha in diesem Moment abzuwimmeln. Also bat er sie herein und machte die beiden „großen Lieben“ seines bisherigen Lebens miteinander bekannt. Esther bereitete Tee, um beide taktvoll alleine zu lassen, aber da Aretha sich ebenfalls im Hause seiner Eltern auskannte, war sie aufgesprungen, um zu helfen. Später saß Johannes artig zwischen beiden, und während die Lieben völlig locker miteinander scherzten, zerriss es sein viel zu großes Sportlerherz. Ihm war gerade 18jährig klar geworden, dass er nie wieder so lieben können würde wie in diesem Augenblick...
  Manchmal, wenn er heute von Übergriffen und Mordanschlägen in Deutschland auf Menschen mit „ethnischem“ oder nur fremdartigen Einschlag las oder hörte, dann kamen ihm die Worte seines Vaters bezüglich der Kinder aus gemischt rassigen Beziehungen wieder in Erinnerung, und er pries innerlich und ganz ohne „Politcal correctness“ die Vorsehung. Es war vielleicht doch gut gewesen, wie alles gekommen ist:
  Drei Jahre später, hat Aretha einen schwarzen Bürgerrechtler geheiratet und war 1973 die jüngste habilitierte Jura-Professorin der USA. Bis zum Ende der 70er war sie sechsfache Mutter geworden, da war die Martha von Johannes gerade erst auf die Welt gekommen. Jedes Mal wenn er in die USA gereist war, war er versucht gewesen, sie einfach so zu besuchen. Einmal sogar, bei einem touristischen Pow-Wow Anfang der 80er in Philadelphia, hätte er nur eine Nacht länger zu bleiben brauchen, um sie als groß angekündigte Rednerin im gleichen Kongresszentrum sehen zu können. Aber er traute dem mit Ach und Krach verheilten Riss in seinem Herzen nicht.

  "Edel sei der Mensch, hilfreich und amerikanisch" oder am "Amerikanischen Wesen soll die Welt genesen", hatte Walter Goerz in Abwandlung der Goethe-Zitate immer ironisch fabuliert, wenn er die stolperhafte Außenpolitik der Verbündeten kommentierte. Rückbetrachtet - bei all seinen intensiven Beziehungen zum Amerikanischen - war für seinen Sohn Johannes das ergiebigste und erfolgreichste außenpolitische Verhältnis der USA der AFN gewesen - das American Forces Network, der angesagtesten Radiosender der 60er und 70er. In der eintönigen Radiolandschaft von damals, war das Neztwerk überwiegend jedoch nur den Süddeutschen vorbehalten gewesen. Später sollte die deutsche Country-Rock-Kultband "TruckStop", diese Verhältnisse treffend in einem Refrain zum Ausdruck bringen, indem sie hanseatisch näselnd sangen:
  "Ich möcht' so gern' Dave Dudley hör'n, Hank Snook and Charly Pride - 'nen richtig duften Countrysong - doch AFN ist weit."
  So war das - aber nicht nur für Country, sondern für alle Richtungen der Pop-Musik - wer wissen wollte, was musikmäßig so abging - hörte von morgens bis abends die Jungs aus der Kaulbachstraße gleich hinter der US-Botschaft. "Luncheon in Munchen", "Bouncing in Bavaria", "Latino Lovelane" - jede Stunde eine andere Stilrichtung in einem anderen Moderationsformat. Auch als Johannes sein erstes Büro eingerichtet hatte. stand auf seinem Schreibtisch das alte Radio seiner Jugend noch immer mit festgefrorenem Wellenschalter...
  Die Interpreten kamen und gingen - mit Ausnahme von den Beatles und den Stones, die aber dafür eine Zeit lang wegen ihrem Hang zu Drogen und deren leichtfertige Verherrlichung nicht gespielt wurden. - Die stündlich mahnenden Sprüche jedoch blieben, und nisteten sich wie das, was man bald einen Jingle nennen sollte, in die Gehirne der Zuhörer. Drei waren es bei Johannes, und der war überrascht, dass sie dreißig Jahre später ausgerechnet in einem neuerlichen Schicksalsjahr aus seinem "Memory-Speicher" abgerufen wurden:
  "Remember, that tomorrow is the first day of the rest of your life!"
  "Take care - death takes no holidays!"
  "If you drink, you think you can sing - but you also believe that you can drive!"
  Johannes erinnerte sich auf einmal auch daran, dass er mit dem erwachsener Werden zunehmend die Makabere Bedeutung der ersten beiden Sprüche für einen Soldaten-Sender als drastisch begriff: Aus seiner Siedlung waren Duffy Tight, der Couragierte und ein Super-Footballspieler namens John Strauss "The Waltzing King" als Freiwillige im Vietnam-Krieg gefallen. Beide waren jünger gewesen als er...
  Krieg und Dienst an der Waffe fürs Vaterland blieben Johannes und anderen Verweigerern seiner Generation erspart. Ja, man konnte noch so beckmesserisch am weltweiten Polizei-Spielen der USA herumkritteln, aber an der Tatsache kam man nicht vorbei, dass sechzig Jahre friedliche Entwicklung Deutscher Demokratie und die Wiedervereinigung nur mit der Rückendeckung der United States möglich gewesen waren...
  Und jetzt? Im Strudel der allgemeinen Terrorbekämpfung begann diese und seine eigene Nation, menschenrechtliche Errungenschaften in Frage zu stellen; die Bundesrepublik bisweilen - so schien es Johannes - indem sie amerikanischer werden wollte als ihre Beschützer. Johannes rätselte auch, ob es ratsam gewesen sei, einem Mann im Rollstuhl den Posten des Innenministers zu geben, der selbst Attentatsopfer war. Er nahm bei dem Schwaben die immer tiefer werdenden seitlichen Falten am eifernd klappenden Nussknacker-Kinn wahr, wenn er die Beschneidung der Freiheit des Einzelnen und seiner Grundrechte immer weiter mit fadenscheinigen "Schutzbehauptungen" vorantrieb. Aber Wolfgang Schäuble war ja auch nur Signalgeber einer großen Koalition, in der ausgerechnet ein sozialdemokratischer Arbeitsminister und Vize-Kanzler die Lebensarbeitszeit für Leute verlängern wollte, die jenseits der fünfzig eh keine Chance mehr hätten, wenn man sie wegen des beinahe vollständig aufgehobenen Kündigungsschutzes nach amerikanischem „Hire&Fire-Prinzip auf die Straße setzte. Immer neue Zugeständnisse an eine Globalisierung leiteten auch gleichzeitig den absoluten Verfall deutscher Unternehmenskultur ein.
  "Ich zahle keine guten Löhne, weil ich reich bin, sondern ich bin reich, weil ich gute Löhne zahle", konnte Robert Bosch noch stolz bekennen. Und Siemens war zur Weltmacht geworden, weil es sich in einzigartiger Weise um seine Mitarbeiter gekümmert hatte. Nun stellte sich mehr und mehr heraus, was für verlotterte Moralsümpfe deutsche Unternehmen unter der Vorgabe des Shareholder Values geworden waren. Der vermeintliche Aufschwung des Jahres 2007, der vorerst nur von denen oben vermeldet, aber bei denen unten (noch) nicht verspürt wurde, war ja vielleicht nur eine Presse-Hype, ein Pfeifen im Walde, das vor dramatischen Zuspitzungen wie der US-Hypothekenkrise ablenken sollte...
  Natürlich musste Johannes auch bei sich selbst einen "Schäuble-Effekt" eingestehen. Er war deutlich zynischer geworden, seit er beruflich einen derartigen Tritt in den Allerwertesten bekommen hatte.

  Dem Netzwerk, wider dessen Stachel er gelöckt hatte, war es anschließend nicht genug gewesen, ihn im engeren Bereich kalt zu stellen. Indem es alle Kontakte ausgenutzt hatte, war ihm quasi ein Berufsverbot auferlegt worden, das fast in  alle bisherigen Tätigkeitsfelder hineinreichte und ihn zur Schließung seiner Büros zwang. Was wiederum Mitarbeiter mit Forderungen auf den Plan rief, die in Zeiten der Prosperität alles mitgenommen hatten, was er ihnen an außertariflichen Zuwendungen dargeboten hatte. Johannes lernte in dieser Phase viel Neues über die menschliche Natur. Auch über seine eigene. Am Anfang war er noch blind vor Wut gewesen. Nachdem er sich aber für den Freitod am "zweiten Tag vom Rest seines Lebens" entschieden hatte, war er - wie ein Samurai, der Seppuku begehen will - in einem gefühlsresistenten Tunnel eiskalter Ränke verschwunden.

Dienstag, 5. November 2013

Daffi und Sefi

   Für Johannes hatten David Fisher – genannt Daffi – und Joseph Hanegby, den sie Sefi riefen, nichts gemein. Außer vielleicht  die Tatsache, dass beide Israelis waren und auf - für ihr Alter - etwas albern klingende Kosenamen hörten. Da er sie aber zeitlich versetzt bei sehr unterschiedlichen Wüsten-Touren als Begleiter hatte, wäre er nie und nimmer auf die Idee gekommen, nach Zusammenhängen zu forschen.
   Es mussten 20 Jahre vergehen, und es bedurfte zweier, beinahe zeitgleicher Ereignisse, um eine merkwürdige Ahnung  auszulösen. Am Wochenende, nachdem er Hauptkommissar Kuhn von Karim erzählt hatte, fand er die Todesanzeige von Dr. Treiber in der Süddeutschen. Dr. Treiber war der einzige Mensch außer ihm selbst, der drei Jahre lang in die tiefsten Abgründe seiner Seele vorgedrungen war. Als überzeugter „Freudianer“ hatte er Johannes mit brutalster Hartnäckigkeit zum Aufschreiben und Zerfleddern seiner Träume gezwungen. Dr. Treiber allein hatte es Johannes zu verdanken, dass er nie mehr aufwachen konnte, ohne die Träume der vorangegangenen Nacht mühelos zu memorieren. Die Angst vor der Couch des Zynikers war schließlich so groß gewesen, dass er die Therapie nach drei Jahren beinahe unter Ausübung körperlicher Gewalt abgebrochen hatte.

   Dabei war er Mitte der 1980er auf eigenen Wunsch wegen seiner zunehmenden Déjàvus in die Fänge des Analytikers geraten.
   Er war nach dem ermüdenden Einkaufen von Titelbildern in New Yorker Agenturen mit seinem Art Director, Wilbur Dove, zum Entspannen in das Whitney Museum Of  American Art gegangen und hatte vor Edward Hoppers A Woman in The Sun einen Panik-Anfall mit kurzem Atem-Stillstand und Ohnmacht erlitten. Johannes gab nur Dr. Treiber preis, dass er in dem Gemälde aus dem Jahre 1961, das er nie zuvor gesehen hatte, im Traum herum gelaufen war. - Und zwar in der ersten Nacht ihrer Einreise, als ein Museumsbesuch wegen des engen Zeitplans noch gar nicht zur Debatte gestanden hatte.

   Wilbur hatte Tavor, ein Silizium-Präparat, dabei, von dem er Johannes wohl eine zu starke Dosis verabreicht hatte, nach dem der ärztliche Notdienst des Museums nichts entdecken konnte.  Jedenfalls erlebte  er die Restzeit in New York sowie die Heimreise als eine Art Luftkissen-Fahrzeug, um dann inklusive Timelag in einen 24stündigen Dauerschlaf zu versinken, aus dem er als Zombie erwachte…

   Johannes war zunächst überrascht, dass das Ableben Dr. Treibers, der ja kaum älter gewesen war, keinerlei Reaktionen bei ihm zeitigte; weder Erleichterung, dass der „Mitwisser“ nicht mehr da war, noch Bedauern über den Verlust eines wichtigen „Weggefährten“. Die Bombe schlug dann allerdings mit Zeitzünder in der folgenden Alptraum-Nacht ein, in der er durch eine wabernde Wüstenei mit ständig wechselnden, extrem leuchtenden Farben gejagt wurde. Es waren zwar nur Schemen, aber im Kopf setzten sie sich als ein Trio fest, das irgendwie mit Karim, Sefi und Daffi zu tun hatten.

   Das Talent, Dinge, die er einmal gesehen, Dialoge, die  er geführt oder Routen, die er befahren hatte, bis ins Detail aus der Erinnerung abrufen zu können, hatte sich oft als Segen erwiesen, aber nicht selten war es auch ein Fluch.

   Unvermittelt erinnerte er sich daran, wie er erstmals Dr. Treiber gegenüber gesessen hatte und ihn spontan nicht mochte. Treiber war ein schöner Mann und wusste das. In Johannes Geschlechter-Genealogie war er eindeutig ein „Friseur“. Der Vertrauensarzt der Kasse, die die Kosten für die Therapie übernehmen wollte,  hatte ihn als den absolut Besten empfohlen. Er hatte seine Praxis in der Nachbarschaft, was den immer unter Zeitdruck stehenden Johannes die Bequemlichkeit über die Sympathie stellen ließ. Schon der erste Dialog, der sich in der Erinnerung eingebrannt hatte, ließ erkennen, dass es auch um Machtausübung gehen würde.
   Johannes: „Die Kasse hat 85 Mark pro Sitzung bewilligt, wieso wollen Sie das Doppelte?“
Treiber: „Damit Sie den Wert der Therapie erkennen. Außerdem können Sie sich das ja leisten, wie man hört.“
   Es wäre der Moment gewesen, das ganze gar nicht erst anzufangen. Aber diese Dreistigkeit hatte Johannes schon beeindruckt.
   Treiber: "Die Therapie funktioniert nur nach meinen Spielregeln. Ab sofort keine Psychopharmaka mehr. Wenn Sie Anfälle haben, müssen Sie sie ohne Chemie durchstehen. Kein Valium, kein Prozac, und Tavor schon gar nicht mehr. Damit werden Sie Gemüse und Gemüse therapiere ich nicht! Verstanden?“
   Johannes: „Jawoll, Herr Ober-Seelenführer!“
   Es harmonisierte beider Beziehung nicht, als er Treiber eines Tages mit einem funkelnagelneuen schwarzen Porsche durch die Nachbarschaft röhren hörte. Allein der Gedanke, dass er mit seinem verdoppelten Stundensatz zur Finanzierung des Boliden beigetragen haben könnte, vertiefte die Hass-Beziehung. Es kam vor, dass er auf Treibers Couch lag, und in diesen kostenintensiven 45 Minuten kein Wort gewechselt wurde. Dann wiederum war das Aufschreiben seiner durchwegs farbigen Träume für den „Formulierer“ Johannes selbst derart spannend, dass er sich in regelrechte Rauschzustände schrieb. Mit Bedauern sollte er später erfahren, dass diese mitunter wuchtige Prosa für immer verloren sein würde, denn Treiber machte nach dem Abbruch der Therapie keinen Hehl daraus, dass er sie – wegen seiner handschriftlichen Anmerkungen - nie und nimmer rausrücken würde.

Nun war der Seelen-Schinder also tot, aber es gelang ihm dennoch, in der Erinnerung von Johannes Wutanfälle zu erzeugen…

   Auch die Erinnerung an Daffi wurde durch einen wütenden Dialog geprägt.
   David Fisher  – im gleichen Alter wie Johannes – war der Sohn amerikanischer Juden, die im geteilten Berlin der Nachkriegszeit im amerikanischen Sektor als Anwälte für das US-Personal gearbeitet hatten. Sie waren, als Daffi schon an der FU eingeschrieben war, bei einem Privat-Flug abgestürzt und ums Leben gekommen. Daffi hatte daraufhin gar nicht erst mit dem Studium angefangen, sondern war in einen Kibbuz auf das Hochufer über dem Jordan-Tal gezogen.
   Als der Israeli mit amerikanischer Staatsbürgerschaft Johannes in einem der 1980er- „Zwischen-Frieden“ am Flughafen in Kairo mit seinem Landrover abgeholt hatte, berlinerte er immer noch unverkennbar. Penetrant versäumte  er es auch keine Sekunde,  auf seine grenzenlose Kompetenz als  „spezieller  Führer“ in arabisch-israelischen Fragen hinzuweisen.

   Diese „Sinai-Kultur-Reise“ war wieder einmal von der Verlagsleitung mit Chef-Präferenz eingefädelt worden, was bedeutete, dass es weder in erster Linie um die Besuche bei Beduinen, noch um die Überschreitung des Mosesberges im Advent oder gar den Besuch des Katharinen-Klosters zu dessen Füßen ging. Das eigentliche Thema waren die rasant in ihrer Realisation fortschreitenden arabisch-amerikanischen Investitionen im touristisch-klimatisch so freundlichen Hurghada an der Sinai-Ostküste. Bade-Luxus-Urlaub am Roten Meer versprach zukünftig eben mehr Anzeigen-Potenzial als Begegnungen mit Beduinen oder Klettern auf Kulturpfaden der frühsten Religionsausübung.

   Die kleine Reisegruppe bestand außer Daffi und Johannes aus dem Banker einer islamischen Bank für Wiederaufbau. Dem Vertreter eines „Baukonzerns“ mit kaum zu verleugnenden „Standort Langley/Virginia“ und einem arabischen Übersetzer, dessen es – wie sich herausstellte - gar nicht bedurfte, weil Daffi ja nicht nur Arabisch sprach, sondern auch den Dialekt der Beduinen anscheinend makellos beherrschte.

   Eine sehr üble Eigenschaft von Johannes war die, dass er Menschen auf den ersten Blick nicht mochte und dass die dann auch später kaum noch eine Chance bekamen,  sich seiner Sympathie zu versichern. David Fisher war so einer. Ein „Ballett-Tänzer“, der einen permanent umkreiste, ohne - einmal wenigstens - fest auf der Sohle vor ihm stehen zu bleiben. Dazu kam, dass der arisch blonde Israeli mit der Figur eines Unterhosen-Models sich jedes Mal des Deutschen bemächtigte, wenn er den übrigen, Englisch sprechenden, Reise-Genossen eine Information schuldig bleiben wollte. Damit zog er Johannes in eine Konspiration, die dem unangenehm war. Vor allem, weil Daffi dabei nicht selten in rassistischer Manier über die arabischen Gastgeber herzog.
   Schon nach drei Tagen – am Lagerfeuer in der Gäste-Hütte eines Beduinen-Sheiks  nahe dem Heiligtum Ein El Agdar  – war Johannes derart angefressen, das er den Guide in Englisch anherrschte und abkanzelte:
   „Wenn ich über Israelis so diffamierend urteilen würde, wie Du über unsere Gastgeber und die Palästinenser, würdest du mich doch zu recht als Nazi beschimpfen.“

Das hatte gesessen und verschaffte die nötige Distanz, aber weckte bei Daffi offenbar auch Rachegelüste. Er hatte gemerkt, dass Johannes bei zwei Ausflügen zu Ausgrabungsstätten in der Wüste mit dem Sohn des Sheiks intensive Einzelgespräche geführt hatte. Was ohne Probleme ging, weil der junge Mann eine erstklassige Ausbildung in England erhalten hatte.
   Wie ein nachlaufendes Hündchen mit dabei: Dessen höchsten 14jährige Schwester. Im ihr traditionell gebührenden Abstand und verschleiert zwar, doch offenbar unverhohlen beeindruckt von Johannes mit seinen umgehängten Kameras.

   Als Johannes wegen des Fotografierens bei einem steilen Aufstieg zurück gefallen war, stand sie Plötzlich wie eine Statue auf einem Fels über ihm und bedeutete durch das Wegziehen des Schleiers, dass sie von ihm fotografiert werden wollte. Johannes war sich der Gefährlichkeit dieser sich exponierenden Jungfräulichkeit für sein Ansehen bei den sittenstrengen Gastgebern durchaus bewusst, aber er konnte nicht widerstehen. Diese einmalige Geste festzuhalten, war eine Gelegenheit, natürliche Unschuld und Verführung gleichermaßen in einer Momentaufnahme zu thematisieren. Es konnte ja wohl auch niemand gesehen haben…

   In der darauf folgenden Nacht, in der sie alle in ihren Schlafsäcken mit den Füßen zum Feuer lagen, zwängte sich die Kleine zwischen Johannes und ihren Bruder, was letzterer mit ein paar scharf gesprochenen arabischen Sätzen dahin gehend korrigierte, dass er die sichernde Zwischenlage einnahm.
   Die Nacht war durch einen riesigen Mond taghell, und so stand Johannes im Zwielicht zwischen Mondschein und sich ankündigendem Sonneaufgang auf, um zum malerischen Tiefen-Brunnen der Oase zu gehen. Er hatte nämlich so ganz nebenbei eine Exklusiv-Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes ausgegraben. Der Sohn des Ummar hatte ihm  selbstbewusst vom unendlichen Reichtum seines Stammes erzählt. Und es ging dabei nicht etwa um Öl, sondern um das feinste Süßwasser der Erde, das in einer gewaltigen Kaverne vom Ausmaß und Volumen des Bodensees unter ihrem Stammesgebiet in der Wüste Sinai läge. Der Tiefen-Brunnen sei der Beginn einer Ära, in der Wasser in Arabien zum kostbarsten Gut werden könnte. Vor allem, wenn der Tourismus weiter so wüchse.

   Es war nur fraglich, ob Johannes das noch erleben würde – ob er den Morgen überhaupt überleben würde. Denn hinter ihm war heimlich auch das Beduinen-Mädchen aus der Hütte geschlüpft und ihm gefolgt. Allerdings weder, um sich Johannes zu nähern, noch, um überhaupt in seinem aufs Fotografieren mit Stativ konzentriertem Gesichtsfeld aufzutauchen…Wohl einfach nur, um ihn zu bestaunen wie ein Wesen aus einer wahrhaft anderen Welt…
   Für die in der Hütte allerdings waren sie gemeinsam verschwunden, und Daffi entschuldigte sich scheinheilig in der Sprache der Beduinen und auf Englisch, dass der Deutsche wohl die Anstandsregeln nicht kenne. Jedenfalls war nicht nur der Morgen eisig, sondern auch die Stimmung unter den Reisegefährten, die Komplikationen fürchteten. Bruder und Schwester hatten sich gleich nach der Rückkehr des Mädchens zu einem unterdrückten Streitgespräch hinter die Hütte zurückgezogen. Wenig später kamen sie allerdings mit entspannten Minen  wieder hervor und setzten sich im Schneidersitz zum Tee.
   Auf einmal erhob der Sohn des Sheiks seine Stimme wie ein Prediger und deklamierte in Englisch ohne jemanden dabei anzusehen:
   „Wir haben hier ein Sprichwort. Das lautet: Achte auf die, die dich vor dem Treibsand warnen, es sind nicht selten diejenigen, die dich hinein führen wollen…“

   Die Geführten waren jedenfalls von da an eine anscheinend verschworene Gemeinschaft, während ihr Führer zumindest zwischenmenschlich nicht mehr das Sagen hatte und ein wenig ins Abseits geriet. War das der Grund, weshalb auf dem Weg zum Basis-Camp am Moses-Berg auf einmal unangekündigt eine „Freundin“ des Ägypters in den Landrover stieg? Angeblich weil sie schon immer mal im Winter auf den Dschebel Mussa steigen wollte.
   Die weibliche Note durch die temperamentvolle „Pferdestehlerin“ mit den feucht glänzenden Kohle-Augen tat der Gruppe von Mittdreißigern sichtlich gut, obwohl man im rüttelnden  Rover noch enger zusammen rücken musste.

   Auch Johannes war sichtlich angetan und balzte ein wenig mit. Allerdings nur so lange, bis er ihr beim Sammeln von Reisig fürs Feuer einmal zu lang auf das von der hoch gerutschten Parka befreite Hinterteil schielen wollte -  und dabei die Umrisse einer Pistole wahrnahm…

    Die Erinnerungen an Daffi wurden von dem grandiosen Erlebnis eines Sonnenaufgangs auf dem Moses-Berg, der exklusiven Führung durch die Bibliothek des Katharinen-Klosters und dem damals noch weitgehend unverbauten Farbenspiel (über und unter Wasser) des Roten Meers überstrahlt. Erst beim Abschied am Flughafen in Kairo sagte der Israeli Johannes noch etwas, das hängen geblieben war: und zwar durch die Boshaftigkeit mit dem es ihm zu gezischt wurde:
„Dass du so blauäugig in Situationen stolperst, habe ich erst für eine Masche gehalten, aber du bist wohl wirklich so naiv, dass du gar nicht merkst, was um dich herum vor sich geht. – Du angeblicher Star-Journalist!“

   Da er beide Erlebnisse nicht unmittelbar miteinander in‚Verbindung brachte, musste er erst in seinen Veröffentlichungen nachschlagen, wie zeitnah sie doch stattgefunden hatten. In seiner Erinnerung waren sie jedenfalls weit von einander entfernt. Das lag wohl daran, dass er Joseph Hanegby auf den ersten Blick mochte und unter anderen Gegebenheiten gerne mit ihm befreundet gewesen wäre.

   Die Überschreitung des Moses-Berges war an Chanukka im November  gewesen, und Sefi hatte ihn nach Jom Kippur im darauf folgenden September abgeholt. Johannes hatte sich in Eilat ein Taxi genommen und war zur Grenze in Richtug Taba hinunter gefahren, wie das von den Organisatoren vereinbart worden war. Weder hatte er eine Ahnung davon wie Hanegby aussehen würde, noch konnte er sich vorstellen, wie dieser ihn erkennen wollte. Es gab zwar eine Telefonnummer für den Notfall, aber in der Vor-Handy-Zeit war Telefonieren im israelisch-ägyptischen Grenzgebiet nicht so einfach.

   Aber alle Mutmaßungen erübrigten sich in dem Moment, als das Taxi am späten Nachmittag vor dem als Treffpunkt vereinbarten Tee-Haus hielt. Ein kleiner, durchtrainierter Mann im Alter von Johannes mit einer weißen Kafira auf dem Kopf öffnete die Tür und streckte ihm die Hand entgegen:
   „Hallo, ich bin Sefi. Herzlich willkommen!“, dann schnappte er sich ungefragt die Schultertasche von Johannes und ergänzte:
   „Es wird ja jetzt schon früher dunkel, deshalb müssen wir uns beeilen, damit wir rechtzeitig bei den Mädchen sind.“
   Sie kletterten in einen offenen, gelben Suzuki-Geländewagen, doch ehe der Mann startete, übergab er Johannes eine ebenfalls weiße Kafira und zeigte ihm auch gleich, wie sie gebunden werden musste. Dann gab er Stoff, und zwar derart, dass die Reifen qualmten. So temperamentvoll er fuhr, so konzentriert schweigsam blieb er in der folgenden Stunde. Schon bald waren sie von der Straße westwärts, nach Norden auf einen holperigen Schotter-Trail abgebogen, der direkt an den Negev führte. Dort, wo er in eine einzige Fahrspur überging, die sich in fest gebackenen Sand gefräst hatte, standen Hangars und ein kleines Flugzeug, das mit einer Tarn-Persenning vor dem Staub geschützt wurde.
   „Da sind sie ja – unsere Hübschen“, rief Sefi begeistert und zeigte im Zwielicht auf vier sand-beige Haufen, die sich beim näher Kommen, als Dromedare zu erkennen gaben. Johannes konnte ganz manierlich reiten und war auch schon ein paar Mal gezwungen gewesen, Pferde als Transport-Alternative zu wählen, aber Kamele waren ihm bislang nicht untergekommen. Mental allerdings war er auf sie vorbereitet. Was wohl auch Sefi wusste, weil er sich nicht lange mit reittechnischen Details aufhielt:
   „Weißt du, dass Sarah auf hebräisch Fürstin heißt?“, fragte Sefi, während er den ziemlich großen Kopf eines der Tiere zärtlich tätschelte. „Das hier ist Sarah. Die habe ich für dich ausgesucht, weil sie in der Wüste absolut souverän ist. Sie furzt und rülpst zwar etwas ungebührlich und ist deshalb so groß, weil sie eigentlich immer nur ans Fressen denkt, aber wenn du ihr die Ehre erweist und sie nicht anschreist, beschützt sie dich, trägt dich zuverlässig ans Ziel und wenn du sogar gelernt hast, ihr zuzuhören, dann bringt sie dir mindesten soviel zum Überleben in der Wüste bei wie ich.“

   Wie konnte Sefi das vorausgesehen haben, dass Sarah und Johannes ohne weiteres ein derart eingespieltes Team abgeben würden. Sarah schien wie selbstverständlich auf alle Kommandos zu reagieren, die Johannes zuvor im Briefing gelesen hatte.  - Also ja nur theoretisch bar jeglicher praktischer Erfahrung erteilte. Die Dromedar-Dame richtete sich auf den leichten Fersendruck am Hals ohne großes Schaukeln auf und mochte es auch, wenn ihr mit dem rhythmischen  Klopfen des Fußes das Tempo vorgegeben wurde. Zügeln musste Johannes mit dem Strick gar nicht, weil ja Sefi im Mondlicht voran ritt. Gut, zwei Dinge waren gewöhnungsbedürftig: Nämlich, dass Sarah gelegentlich ihren Kehlsack zum Rülpsen aus dem Maul wabbeln ließ und dabei Gerüche von sich gab, die Johannes von den Fürzen, die hinter ihm los krachten, nur ahnen konnte. – Und Sarah war riesig. Wenn er bei dem sanften Geschaukel einschlafen und runterfallen würde, käme es bestimmt zu ernsten Blessuren. Aber das war bei der Adrenalin-Ausschüttung nicht zu befürchten.

   Sefi hatte die erste Etappe zum Eingewöhnen bewusst in der Nacht angesetzt, und so schlugen sie das Nachtlager nach einem Ritt ohne Zwischenfälle erst nach Mitternacht auf. Für das erste Biwak hatten sie noch alles dabei, aber das sollte ja schon am nächsten Tag anders werden. Es gab ein Nachtmahl aus  auf einem Stein gebackenen Fladenbrot mit Kichererbsen und dazu heißen Tee. Johannes sollte auf dieser Exkursion in fünf Tagen fünf Kilo verlieren, aber nicht einmal Hunger oder gar Durst leiden…

   Die Tage des Überlebenstrainings, die sich für immer  im Gedächtnis von Johannes einnisteten, verliefen vom Ablauf sehr ähnlich. Lediglich die Landschaft veränderte sich zum teil dramatisch:
   Morgentoilette mit einem bestimmten, zerriebenen Kraut, das sich mit einem Esslöffel Wasser in ausreichend seifigen Schaum für eine Katzenwäsche von Gesicht und Händen verwandelte. Zähneputzen mit wilder Minze; dann auch der Tee daraus.  Abgestorbene – also trockene Wurzeln des auch auf Dünen wuchernden Seidelbasts für das Feuer suchen. Dort, wo er noch grünt, sei er extrem giftig, verriet Sefi so nebenbei. Überreste der Morgentoilette vergraben, Klopapier verbrennen! Lagerplatz komplett säubern. Mit Kompass und Karte Reiserichtung und Landmarken checken. Reisedauer zum nächsten Schattenlager festlegen (gegebenen Falles sogar Umweg über Wasserstellen) maximal vier Stunden. Beim Aufbruch um sechs  wäre die Etappe also um 10 Uhr zu Ende. Immer daran denken, bei sich bietender Gelegenheit Vorräte aufzufüllen. Zum Beispiel ganz junge Salzkraut-Blätter als Würze für die Brotfladen als auch gegen den Wüsten bedingten Salzverlust.

   Von seiner Ausbildung her war Sefi Geologe und Archäologe, aber durch sein gesammeltes Wissen über den Negev war er mit der Zeit zu einem echten Wüsten-Wesen mutiert und machte seinem Nachnamen Hanegby - also übersetzt Sohn der Wüste - alle Ehre. Er brauchte nicht viel Worte, sondern ließ das jeweilige Ambiente für sich selbst sprechen und machte Verborgenes lediglich durch kurze Hinweise auch für Johannes nach und nach lesbar.
   Bei der letzten Tagesetappe zu dem Treffpunkt westlich von Eilat, an dem sie die Kamele abgeben sollten, ließ Sefi Johannes voraus reiten, den Weg bestimmen und fragte ihn gewissermaßen wie einen Prüfungskandidaten ab, wo es was zu finden gäbe, wenn sie es denn bräuchten. Das klappte alles ganz gut, denn Sarah war ein „Wüsten-Schiff“, das exakt den einmal vorgegebenen Kurs einhielt.
   Dann aber bekam der Ausdruck „die Zügel schleifen lassen“ kurz vor der Mittagsrast für Johannes noch einmal eine dramatische Bedeutung. In einem gewundenen Wadi, einer Auswaschung nach starken Regenfällen, bot sich Johannes eine Gelände-Formation, die er unbedingt fotografieren musste. Er blieb auf Sarah sitzen, konzentrierte sich aber im gleißenden Licht auf die Belichtung und die Tiefenschärfe. Er ließ weder den Fuß am Hals des Dromedars, noch achtete er darauf, dass ihm der Zügel entglitt. Für Sarah war das also das Zeichen, dass die Mittagspause schon begonnen hatte und deshalb flitzte sie unaufhaltsam los zu einer zunächst nicht sichtbaren Dornen-Akazie, die sie offenbar schon eine Zeit lang in der Nase gehabt hatte. Die Beerenförmigen Dornen-Wülste  waren Sarahs Lieblingsnaschwerk – Da kannte sie kein Halten, und so gab Johannes es auch auf, sie zügelnd irgendwie bremsen zu wollen. Doch als er sich umsah, waren sie in dem kupierten Gelände mutterseelenallein…

   Dass er nicht sofort in Panik geriet, verdankte er vor allem Sefis Wüsten-Crashkurs. Wer den Sichtkontakt verliert, bleibt stehen. Das war nicht schwer, weil Sarah genüsslich mit ihrem weichen  und beweglichen Maul einen Dornenzweig nach dem anderen konsumierte. Allerdings derart laut schmatzend, dass von den anderen nichts zu hören gewesen wäre.

   Also dann anschwellend, abschwellend rufen: jalllaaa-jalllllaaaaa-jallajalla, jalllaaaa-jalllllaaaaaa!!!

   „Was schreist du denn so herum. Auch der Dummkopf auf dem Thron ist ein König. Ach Sarah, mein altes Leckermäulchen, du frisst dich noch mal um den Verstand“, sagte Sefi auf einmal hinter ihm und aus einer gänzlich anderen Richtung als Johannes ihn erwartet hätte.

   Als Johannes in seinen Erinnerungen bei dem Zeitpunkt angekommen war, zu dem sie die Kamele abgegeben hatten und am nächsten Morgen mit dem Auto in Richtung Eilat unterwegs waren, gebar sein Hirn den Satz, der den ersten Zusammenhang herstellte:

Sefi meinte: „ Hast du vielleicht Lust, unseren Kibbuz zu sehen? Er liegt nur eine Stunde nördlich  von hier über dem Jordan-Tal?“

Und dann fielen Johannes auch die Kinder ein, die er dort kennen lernen sollte. Charon und Kasim (nicht Karim?). Leila und Ursel. Sefis Kinder. - Aber auch wieder nicht. Und hatte nicht auch Daffi, davon erzählt in einem Kibbuz über dem Jordan-Tal gelebt zu haben?

Noch konnte sich Johannes keinen Reim aus all dem machen...



Samstag, 26. Oktober 2013

Der Wind des Wechsels

  Eigentlich hätte auch eine laienhafte Betrachtung von Johannes' Krankheitsbild Anflüge von Paranoia als durchaus angebracht erscheinen lassen. Wieso sie ihn nicht bei An- und Rückrufen aus der DDR befielen, bleibt ein Rätsel. Wäre sein Bewusstsein wirklich auf dem Weg zu einer multiplen Persönlichkeit gewesen, wäre das nur so zu verstehen, dass der nach Freundschaft und Harmonie lechzende Geist von Johannes pragmatisch davon ausging, dass, wer nichts zu verbergen habe, auch ohne Arg gegenüber Ausspähenden sein könne.
  Weitere drei Jahre, in denen sie sich wegen der Abstinenz von Johannes gegenüber sportlichen Großereignissen nur noch sporadisch sahen, telefonierten Ronny und er mindestens einmal im Monat ausführlich. Ronny hatte es mittlerweile zu einem „Studioleiter Sport“ beim DDR-Fernsehen gebracht. Johannes war trotz seines bedenklichen geistigen Zustandes auf seinem zweiten beruflichen Standbein als Medienberater in Organisationen vorgedrungen, die öffentlichkeitswirksam von Spitzenpolitikern und Wirtschaftsbossen beaufsichtigt wurden.
  Ronny Pietsch hatte bei der ersten Begegnung mit Johannes in Kolin zwanzig Jahre zuvor ausgesehen, als sei er gerade aus einem Gemälde des Biedermeier-Malers Philipp Otto Runge gestiegen. Sein puppenhaft ovales Gesicht wurde von zwei teakholzfarbenen Kulleraugen beherrscht und von dem damals als Antwort auf die westlichen Langhaar-Frisuren in der DDR so populären, halblangen Prinz-Eisenherz-Schnitt umkränzt.
  Bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft 1987 war Ronny allerdings bereits fast kahl. Unter seinen Augen hingen schwere, depressiv schwarze Tränensäcke. Und in seinen einst so gütigen Puppenaugen lieferten sich eine Warm- und eine Kaltfront unter Entladung heftiger Gewitterblitze eine atmosphärische Schlacht, als er aus ansonsten heiterem Himmel seinen Überraschungsangriff auf Johannes startete:
  Johannes war gerade aus der  Sitzung eines Kuratoriums gekommen, dem unter anderem der damalige Bundespräsident und einige Spitzenvertreter des Sports sowie deutsche Industrie-, Wirtschafts- und Medien-Tycoons beigewohnt hatten. Nun wartete die Presse auf Statements. Dabei hielt sich Johannes wie immer im Hintergrund und sorgte nur dafür, dass jeder mit seinen Fragen oder Aussagen zum Zuge kam. Ronny war ungewöhnlich nah an ihn herangetreten und raunte ihm zu:
  "Mit deinen Kontakten solltest du wirklich etwas tun, was die beiden souveränen deutschen Staaten in diesen Zeiten des Umbruchs auf eine zentrale Rolle in Europa und der Welt vorbereitet."
  "Was soll denn bei euch souverän sein - das Breitband-Doping?
  "Mach dich nur lustig, aber die DDR ist der Schlüssel zur Harmonisierung. Meine Vorgesetzten würden gerne einen Medien-Beratungsvertrag mit dir abschließen. Du machst für unsere Seite genau das, was du hier auch tust. Hältst dich im Hintergrund, analysierst und gewichtest Quellen, informierst über Trends und Wandel im Denken und kassierst auf die Schnelle zweitausend im Monat steuerfrei."
  Kurioser Weise war die erste innere Reaktion bei Johannes nicht Empörung, sondern eine absolute Fassungslosigkeit über die Spießigkeit dieses Angebots. Zwar war der Begriff des IM, des informellen Mitarbeiters der Staatssicherheit, im Hüben noch nicht so momentan wie später durch das Wirken der Gauck/Birthler-Behörde, aber Johannes wusste genau, was diese Offerte bedeutete. Er wollte fast nicht glauben, dass jemand, der ernsthaft nachrichtendienstlich tätig war, überhaupt annehmen konnte, er sei bestechlich oder zum Landesverrat bereit, und wenn, „für eine vergleichsweise derart lächerliche Summe“?!
  Er drehte sich abrupt zu Pietsch um, maß ihm mit einem Blick, von dem er wusste, dass er bisweilen eine Temperatur von minus zwanzig Grad auslösen konnte, packte seinen DDR-Kollegen hart am Ellenbogen und führte ihn einem der Staatssekretäre im Tross eines bayerischen Ministers zu.
  "Das ist mein DDR-Kollege Ronny Pietsch. Er hat ein paar interessante Ideen zur Harmonisierung des Miteinanders zweier souveräner Deutscher Staaten."
  Sprach's und ging wieder. Das letzte, was er jemals von seinem einstigen Handball-Kameraden in natura sah und hörte, war ein hilfloses Gestammel, das aus einem welken Puppengesicht in purpurroter Farbe bröckelte...

  Dann überschlugen sich die Ereignisse wieder einmal im Monatsrhythmus. Michail Gorbatschow betrat die Weltbühne, prägte Begriffe wie Glasnost und Perestroika, und gab ein paar Statements ab, die in der Übersetzung in westliche Sprachen mehr nach Manifest klangen, als die Russen, aber vor allem auch die des Russischen mächtige Altherren-Garde der DDR-Spitze, sie verstehen wollten.
  Im Sommer 1989 fragte ein Menschenrechtsanwalt aus der Münchner Nachbarschaft bei Johannes an, ob er eine vierköpfige Familie aus Weimar in seinem Haus unterbringen könnte, so lange die Familie Goerz doch auf Auslandsurlaub sei und ihr Haus leer stünde.
  Dann standen sie auch schon vor der Tür. Zwei semmelblonde Teens, Junge und Mädchen, sowie ihre Eltern, ein noch junges Lehrer-Ehepaar, das den Ungarn-Urlaub und die neue Löchrigkeit des einst eisernen Vorhangs voller Ungeduld zur Vorteilswahrung vor der Wende genutzt hatte. Tadellose Hüter des Hauses, die den Goerzschen Lebensstandard bald schon für normal und ihnen zustehend betrachteten und die prompt wegen des guten Betragens an die Schwägerin Batja mit ihrer riesigen Altbauwohnung weiterempfohlen wurden. Dort allerdings übernahmen sie bereits zügig das Kommando, breiteten sich aus und wichen erst - und dann auch nur recht zögernd - aus diesem gratis Hotelbetrieb, als alle, die ihnen bis dato schon Obdach gewährt hatten, für sie in verzweifelter Gemeinschaftsarbeit einen Job samt Wohnung in Regensburg gefunden hatten. Keiner - auch der rührige Menschenrechtler nicht - hörte jemals wieder etwas von dieser Familie. Im Trubel nach Genschers Balkonrede in Prag, nach Schabowskis zerstreuter Aufhebung der allgemeinen Ausreisesperre am 9. November 1989 und im Wettbewerb mit den anderen Umsiedlern, die nun in die BRD strömten, war vielleicht auch keine Zeit mehr, - schlicht Danke zu sagen.   
  Johannes ließ sich von der Euphorie, die den Jahreswechsel zum neuen Jahrzehnt prägte, durchaus mitreißen, auch wenn er in einem anderen Krieg eine Schlacht nach der anderen verlor, was eine komplett neue Existenzgründung von ihm verlangte.
  Im Zuge der Liberalisierung bei der Gründung von privaten Rundfunk- und Fernsehsendern waren in den letzten Jahren immer mehr Werbegelder in diese neuen Medien geflossen und schnürten kleinen Zeitungen und Zeitschriften die Lebensfähigkeit ab. Die von seinem Büro betreuten Titel verschwanden vom Markt oder wurden von Großverlagen geschluckt. Aber die neuen Medien brauchten Sende-Inhalte, und so landeten sie schneller beim Sport, als die Treuhandanstalt den Ausverkauf volkseigener Liegenschaften betreiben konnte. Hier war die Wiedervereinigung ein Dorado, denn ohne Medaillenregen kein Geldsegen, und da war im wahrsten Sinne des Wortes jedes Mittel recht. Das hatte Johannes gleich erkannt.
  Er kam dabei aus dem Staunen nicht heraus. Offenbar mit Unterstützung von ganz oben fanden sich auf einmal die einst von hüben bis aufs Messer sportpolitisch bekämpften Feinde, die im „staatssicheren Blau“ an der Tartanbahn, im Schnee oder am Beckenrand gestanden hatten, in bundeswichtigen Spitzenfunktionen des Sports wieder und sorgten ab Albertville und Barcelona für Medaillenrausch und Übertragungsmillionen durchs Fernsehen. Irgendwo in der Gauck-Behörde musste eine Art Bermuda-Dreieck für das Verschwinden von sportbezogenen Stasi-Akten gesorgt haben. Oder waren sie nur gut versteckt? Denn noch heute werden meist nur kleine Proforma-Opfer  öffentlich geschlachtet, um investigativen Arbeitsnachweis zu liefern.
  Dabei waren schon Anfang der 90er mutigere Kollegen als Johannes auf erstaunliche Differenzen zwischen den gehabten persönlichen Wahrnehmungen und dem makellosen Auftritt neudeutscher Sportmacher gestoßen. Aber sie wurden nieder gejubelt, denn Großdeutschland - wie es von den ausländischen Sportberichterstattern nun auch gerne genannt wurde - erklomm ja in nahezu allen Bereichen und Events Spitzenränge bei den Medaillenspiegeln. Was macht der brave Sportjournalist lieber als im Dopingsumpf zu gründeln? - Er schreibt über vermarktungsfähige Helden. Goldschreiben war längst Geldschreiben geworden.
  Johannes war da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil! Um überleben zu können, war er an mancher Generalreinigung sogar selbst beteiligt. Er tröstete sich mit der zweifelhaften Metapher, dass er in diesem Wind des Wechsels ja nur ein ganz kleines Blättchen gewesen und mal hier- und mal dahin geweht worden sei.
  Beim Golfspielen - ja man spielte jetzt ultimativ Golf in deutschdeutschen Management-Kreisen - wurde ihm einmal ein Volkswirt im Flight zugelost, der beruflich die traurige Aufgabe hatte, rettenswerte DDR-Betriebe aus so gut wie aussichtsloser Position vor dem Ausschlachten zu retten. Dr. Christoph Kaltz tröstete Johannes bei der Pause nach dem  neunten Loch, bei der jener sein schlechtes Gewissen erleichtern wollte, indem er,  der Volks- und Betriebswirt von seinen Gegnern, den Anwälten rücksichtsloser Kaufinteressenten, berichtete. Die führen in Stuttgart, Frankfurt oder Düsseldorf mit 500er Mercedes am Flughafen vor, um in Leipzig, Dresden oder Rostock in einen Trabi oder Wartburg umgestiegen aufzukreuzen. - Um Volksnähe zu dokumentieren, die ihnen das Abzocken und Verwerten der Liegenschaften umso leichter machen sollte. Dr. Kaltz nannte sie „Eine-Mark-Anwälte“, weil sie mit Vorliebe symbolische Kaufpreise aushandelten; mit der Vorgabe sanieren zu wollen. In Wirklichkeit ging es eher darum,  potenzielle "blühende Landschaften" platt zu machen, um darauf ein weiteres Einkaufszentrum  hoch zu ziehen.
   Marianne Birthler war schon seit Oktober 2000 mehr als ein Jahr im Amt, als Johannes  endlich über sich und Ronny Pietsch Akten-Einsicht wagte. Aber das hätte er sich auf den ersten Eindruck sparen können. Über Pietsch, der inzwischen im "Neuen Osten" ebenso gehasster wie gefeierter Chefredakteur der gelber als gelben PLUSIllu geworden war, stand kein Wort in den Akten. Und was wirklich ein Witz war: Ein bereits ungestraft als IM und Doppelagent  enttarnter Kollege und einstiger Förderer von Johannes - mit einer auf Tennisball-Größe geschrumpften Leber und so gut wie blind - stand in dieser Wendehals-Gazette als Chefreporter mit einigen 70 immer noch im Impressum. Unbehelligt und geachtet statt geächtet erfand jener so hinreißende Titelgeschichten wie "Krokodil beißt Liebhaber aus dem Bett". Der Mann hieß Hark van Nytorf und hatte den Lebensweg von Johannes mehr als einmal gekreuzt.
  Es dauerte beinahe bis zum Ende von Johannes' zweitem Leben, um doch noch etwas Licht in die deutsch-deutsche Vergangenheit der beiden so ungleichen "Freunde" zu lassen. In einem der beiläufigen, früheren Gespräche, die Johannes im Rahmen seiner Recherchen mit einem einstigen Paniksyndrom-Therapie-Gefährten, dem Haupt-kommissar Peter Kühn vom LKA Bayern, führte, hatte  dieser einen weiblichen Daten-Nerd vom BKA erwähnt. Eine Deutschamerikanerin, die auf eigene Initiative eine Suchmaschine über Stasi-Opfer und -Mitarbeiter programmierte. Kühn vermittelte daher indirekt einen online-Chat zwischen den beiden.
  Ursel Odmeet, Ex-Hackerin, Ex-Pullach-Angestellte, Ex-Mitglied einer berüchtigten Gilde, jetzt erfolgreiche Daten-Freischaffende hinter den Screens der Republik räumte ein, dass sie ausgehend von der Gegenwart bislang nur bis 1980 gekommen sei. - Über die 70er könne sie noch so gut wie nichts herausfinden, und außerdem lebe sie im Erfolgsfall von ihren Recherchen; pro Aktentreffer 250 Euro. Johannes schrieb aus seinem immer noch funktionierenden Gedächtnis in Stichpunkten  eine E-Mail mit einer Zusammenfassung von seinen Treffen, Telefonaten, beruflichem und privatem Austausch seit Kolin - in der Hoffnung bei den frühen Kontakten ergäben sich Stichworte, die zu einem späteren Zeitpunkt zu Treffern führen könnten. Und so war es dann tatsächlich.
  Zehn Tage, nachdem  er Odmeet (draußen treffen? - kurioser Name für jemanden, den man nur im Internet kontaktieren konnte) zugesagt hatte, war Johannes 1.250 Euro ärmer, aber um einige traurige Erkenntnisse sowie einen äußerst spannenden Aspekt seines Lebens reicher.
  Zuerst wollte Johannes gar nicht glauben, dass es um ihn ging. Aber das geht vermutlich jedem so, der auf einmal einst als geheim eingestufte Akten über sich selbst zu lesen bekommt:
   „IM Kreisläufer“ war in Odmeets Suchmaschine hängen geblieben, weil Johannes in seinem Mail-Briefing erwähnt hatte, dass Pietsch von seiner Therapie gewusst hatte. Die schlecht zusammenpassenden Begriffe Handball und Therapie schafften den Durchbruch. Von da an erweiterte jeder ergänzende Suchbegriff die Wahrscheinlichkeit, dass aus „IM Kreisläufer“ seit 1984 „IM Therapeut“ geworden war, und unter den nicht wenigen, die Pietsch ausgeforscht hatte, traf nur ein Profil auf Johannes zu: Das trug den Decknamen "Janus".
  Janus, der römische Gott mit den zwei Gesichtern, der Gott der Tür, der Gott des Gestern und des Morgen, aber auch der Gott zwischen Frieden und Krieg.  Eigentlich hätte Johannes geschmeichelt sein müssen, wenn „IM Therapeut“ nicht jedes Detail ihrer Treffen weitergereicht und dabei das eindeutige  Bild einer schizoiden Persönlichkeit kolportiert hätte.
  Im Prinzip fand Johannes durchaus seine These bestätigt, dass, wer nichts zu verbergen hat, auch für Schnüffler nicht viel hergibt. Hatte er wirklich als junger Mensch eine derartige Masse an Belanglosigkeiten, Allgemeinplätzen und politisch gefärbten Seelenblähungen von sich gegeben - verquickt mit einem naiven Weltbild und meist recht zweifelhaften populistischen Interpretationen?
  Zwei Textdokumente erschütterten jedoch die eher süffisante Konsumation, die Johannes der "Sicht der anderen" bis dahin beimaß: Ein „IM Absolut“ hatte „IM Therapeut“ ein Treffen von Janus und "profilierten" Amerikanern auf den Bahamas gemeldet. „IM Absolut“ war in dem Bericht so nah dran wie das vierte Blatt am Glücksklee, und wer die Lieblings-Wodkamarke von seinem journalistischen Ziehvater und Gönner  kannte, der brauchte kein Markus Wolf zu sein, um zu erkennen, dass der real existierende journalistische Doppel-Agent einmal mehr zugeschlagen hatte. Und zwar in einer Weise die Janus einen nachrichtendienstlichen Wert zumaß, der nur einem verschlagenen Säuferhirn und Geschichtenerfinder entspringen konnte. Aber dadurch erhielt eine andere Passage ein ganz persönliches Gewicht für Johannes.
  „IM Therapeut“ hatte von ihrem "Versöhnungstreffen" in Sarajevo berichtet und eine persönliche Stellungnahme der nachrichtentechnischen Berichterstattung angehängt - was dem Verlauf der bisherigen Berichte nach ungewöhnlich war:
   Meiner Ansicht nach ist Janus in einer dramatischen seelischen Verfassung. Er hat mir ein Krankheitsbild geschildert, das Auffälligkeiten wie bei einer Behandlung mit X-10-Sion aufweist. Zeitlich könnte die Verabreichung mit einem in den Unterlagen erwähnten Aufenthalt auf Jamaika 1982 erfolgt sein. Die Wirkung hätte jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Das hieße, Aussagen von Janus wären bis 1987 höchst zweifelhaft, weil nicht klar wird, welcher Persönlichkeit sie entsprechen...
  Mit unrhythmisch klopfendem Herzen und verkrampftem Pylorus wählte Johannes die Nummer von Peter Kühn. Er meldete sich gar nicht erst korrekt, weil er wusste, dass sein Freund nicht nur aufs Display schaute, sondern auch unheimlich schnell schaltete:
 "Was weißt du von X-10-Sion?"
Er sprach es, wie er es las, nämlich Icks Bindestrich Zehn Bindestrich Sion.
  "Hat die Odmeet also geliefert. Das kannst du nur aus Insider-Akten haben.
Es spricht sich aber bei Insidern Ixtenschon - also wie das englische Wort für Erweiterung. Das Sion steht für Sensual Interfearence On Neurons. Das X und die Zehn symbolisieren die Darreichungsform. Zehn Microliter der zehnten Konzentration. Da kannst du dir vorstellen, was für ein Teufelszeug das ist. Viel mehr weiß ich allerdings nicht. Das ganze ist ein wenig legendär. Angeblich ist es ein Devirat aus LSD und einer Essenz, die aus irgendeinem pflanzlichen Nervengift gewonnen wird. Während des Vietnamkrieges kam ein Ausgangspräparat zum Einsatz, das aber sofort wieder verschwand. Die Amis hatten es da aber schon an befreundete Dienste zum Experimentieren weitergegeben. Der Mossad soll es bei der Jagd auf den „Schwarzen September" in weiter entwickelter Form angewendet haben. Es steht zu befürchten, dass mittlerweile auch eine Reihe zwielichtiger Organisationen über das Zeug verfügt. Offiziell inoffiziell ist es aber ein "Excalibur". So werden bei uns nicht unbedingt wirklich wirksame Waffen bezeichnet, um die sich meist nur Legenden ranken, wie um das Schwert von König Artus eben. Wenn du verstehst, was ich meine. Soll ich mal für dich nachfragen?"
  "Bitte unbedingt. Mich interessieren vor allem Symptome nach der Anwendung - sofern sie bekannt sind."
Er las Kühn noch die Anmerkung von „IM Therapeut“ vor und verabschiedete sich dann mehr als beunruhigt. Die eigentlich austherapierte Angst stieg wieder die zugeschnürte Kehle hoch.
  Zwei Tage später vibrierte das Handy von Johannes in der Hemdbrusttasche und pfiff die vertraute Kennmelodie von Rififi. Auch Kühn meldete sich nicht mit seinem Namen oder einer Höflichkeitsfloskel, sondern fiel gleich mit der Tür ins Haus:
    "Ich habe jemanden für dich gefunden. War nicht einfach, als ich erzählte du wärst ein Schreiberling. Ist sehr misstrauisch der Mann. Er ruft dich um Punkt halb von einer Telefonszelle an. Erst lässt er es dreimal klingeln, bevor er auflegt, dann zweimal. Beim dritten Anruf gehst du gleich ran. Keine Namen! Keine verwertbaren Bezeichnungen! Du hast bei einem vierten Anruf Zeit für zwei Nachfragen rein persönlicher Natur, aber du solltest nichts Persönliches preisgeben."
  Genauso ging der unbekannte Anrufer vor. Er sprach manierliches Deutsch mit einem deutlich amerikanischen Akzent. Der war aber so operettenhaft, dass er auch Tarnung sein konnte:
  "Extension ist eine Weiterentwicklung von LSD. Die halluzinogene und kurzzeitige Wirkungsweise werden durch zwei Pilzgifte und spezielle irreversible MAO-Hemmer so verlängert, dass sie die Persönlichkeit des Anwenders für einen kontrollierbaren Zeitraum verändern sollte. Also bei Elite-Einheiten im Kampf das Bewusstsein in punkto Wachsamkeit und Vorahnung schärfte, aber auch den Mut zum Risiko erhöhte. Vorausgesetzt es wurde von den Betreffenden selbst unter Vorsichtsmaßnahmen bewusst eingesetzt. Ein paar böse Buben fingen aber sehr bald an, Extension ohne Wissen der Personen zu verabreichen. Durch Einritzen der Haut wie bei einer Polio-Impfung. Dann gerieten schon durch falsche Nahrungsaufnahme - Rohmilchkäse,  bestimmte Fischeiweiße, ja allein durch das Trinken von simplem Tüten-Kakao oder gut ausgebaute Weinen die Dinge bisweilen so außer Kontrolle, dass nicht nur die Gefahr von Schizophrenie bestand, sondern auch von Krebs- oder schweren Stoffwechsel-Erkrankungen. Ich hänge jetzt auf!"
Es läutete gleich wieder. Der Anrufer war vermutlich in einer Post oder an einem Bahnhof, wo er willkürlich von Telefon zu Telefon zu Telefon gehen konnte. Johannes hielt sich an die Anweisungen und stellte seine erste Frage sofort:
  "Gab es Fälle, in denen die Wirkungen sich psychotisch in Anfällen über sieben Jahre und mehr hinzogen?"
  "Ja."
  "Sind harmlosere Folgeschäden, Kammerflimmern und erweiterte Vorhöfe sowie ein metabolisches Syndrom."
  "Ja!  You're just a poor guy."
  Die dritte Frage sprach Johannes in ein Handy, das keine Verbindung mehr hatte. Keine persönlichen Dinge - hatte es ja geheißen.
  "Warum ich?"

  In diesem Moment nahm sich Johannes viel vor. Er wollte nun Dinge endlich zu Ende recherchieren. Ob das seine Schreibblockade beenden würde, war zwar fraglich, aber es saßen ja jetzt so viele exzellente Schreiber auf der Straße, die von neutraler Warte aus texten könnten.
  Gerade war ja auch wieder eine heftige Diskussion über Kurt Tucholskys Satz "Soldaten sind Mörder" entbrannt, weil deutsche Soldaten wieder mitmischten in global gelenkten und eben nicht virtuellen "Killer-Spielen". Ausgesandt von Politikern, die sich Beifall heischend gleichzeitig nicht zu blöd waren, der Jugend solch schändliches Tun am Computer zu verbieten. Johannes beschloss einmal mehr, dem Wesen des Tötens auf die Spur zu kommen.
  Erstaunlicher Weise empfand er gegenüber Pietsch und dessen „Chefreporter“ eher Mitleid und absolut kein Verlangen nach Vergeltung. Aber einen Schrecken wollte er ihnen schon einjagen, als  er die Leser-Hotline der PLUSIllu anrief, über die als neuste Geschmacklosigkeit "Alltagsreportagen" von selbst ernannten Leser-Reportern in denunzierendem Stil samt Handy-Fotos durchgegeben wurden:
  "Ich möchte nur Herrn Pietsch persönlich sprechen!"
  "Herr Pietsch ist in einer Konferenz, aber Sie können auch mir alles melden!"
  "Nehmen Sie bitte Ihren sicher bildschönen Kopf, stecken Sie ihn durch die Tür zum Konferenzsaal und sagen Sie Ihrem Chefredakteur und seinem Geschichten-Erfinder, der Gott mit den zwei Gesichtern stecke in der Leitung. Ich warte!"
  Die Leitung war nicht tot, sondern bimmelte blechern einen Song von „Tokio-Hotel“:
  "Pietsch."
  "Janus!"
  "Johannes?"
  "IM Therapeut alias IM Kreisläufer?"
  Für einen Moment genoss Johannes das seufzende  Einatmen. Dann legte er ohne Erwartung eines Rückrufes auf.

  Der Wind des Wechsels schien Johannes eher in eine endlose Flaute geführt zu haben.