Samstag, 7. Juni 2014

Strohfeuer




   

   24. Kapitel


  In diesen Iden des März gestaltete sich das wirkliche "Leben vor dem Tod" als eine Aneinanderreihung von körperlichen und seelischen Genüssen:
      Morgens nahmen die Männer im Stehen, das typische französische Frühstück, bestehend aus einer Boule Milch-Kaffee und einem frisch aufgebackenen Tiefkühl-Croissant ein. Was ihre Ungeduld dokumentierte, auf den Golfplatz zu kommen. Peggy noch im Morgenmantel erinnerte da noch in ihrer Zerrupftheit an ein Kampfhuhn nach einer Niederlage. Ein Eindruck, der von der Art, wie sie in ihrem Porridge herum pickte, nur noch unterstrichen wurde.
   Meist warteten Urmel und Jean-Jaques, die eine Fahrgemeinschaft vom Strand herauf bildeten, schon am ersten Abschlag. Punkt neun ging es los. Sie spielten in Zweierteams gegeneinander, in denen der überragende Koch wegen der Chancen-Gleichheit jeden Tag mit einem anderen Partner spielte. So glich sich das mit der Zockerei aus, denn natürlich ging es immer um etwas: Mal um eine Flasche Calvados, mal um eine Pulle Champagner und am Freitag um ein Essen, das nicht im "Cajun" stattfand, sondern in anderen Gourmet-Restaurants. Beispielsweise in Margaux oder Porges, damit Jean-Jaques auch mal seinen "day off" genießen konnte.  Am Wochenende wurde nicht gespielt. Da mieden die Vier den Golfplatz wegen des Andrangs aus Bordeaux. 
   Bei diesen Gelagen, die die Brieftaschen der Verlierer ja nur jeweils zur Hälfte und nach dem Gesetz der Serie auch nur einmal in vierzehn Tage belasteten, herrschte zur Vermeidung der "Balzerei" absolutes Frauen-Verbot. Mit dem hatte Peggy überhaupt kein Problem, wohl aber Yvette, die Lebensgefährtin von Jean-Jaques, die ihn am Ruhetag des "Cajun" gerne für sich gehabt hätte. Joceline - so sie um diese Jahreszeit für Kurztrips aus Paris herein schneite - machte ihrem Majordomus Urmel dann auch gerne mal eine Szene. Johannes jedoch ganz frisch unbeweibt und ohne Verpflichtungen, begann die Unabhängigkeit von derlei Genörgel mehr und mehr zu schätzen. Später würde er diese Tage als die besten, weil intensivsten, seines Lebens bezeichnen.
   Natürlich gewann immer das Paar, in dem Jean-Jaques spielte. Der Klassen-Unterschied war einfach zu groß. Selbst wenn er beim Abwechseln mitunter einen total verhauten Schlag seines Partners ausgleichen musste. Die Kreativität, die der Bretone am Herd entwickelte, demonstrierte er ein ums andere Mal auch aus desaströsen Lagen.
   Nur ein Beispiel - um Nicht-Golfer nicht zu langweilen: Urmel hatte einmal auf der dritten Bahn, den Ball weit nach links in die Pinien geschlagen, wo es aber kein "out of bounds" gab. Mit seinen präzisen Treib-Schlägen wäre es für seinen Partner dennoch ein Leichtes gewesen, den Ball aufzugeben und selbst mit dem Srafschlag das Ergebnis zu retten. Jean-Jaques  aber fand den Ball nicht nur, sondern sah als Einziger von den Vieren auch eine Möglichkeit den Ball direkt zu spielen - also nicht seitwärts auf den Fairway zu chippen. Er zog sein Sandwedge derart präzise und voll durch, dass der Ball steil aus einer Lücke im Wald-Dach stieg und wie selbstverständlich bei dem Par 4 an der Fahne eine Punkt-Landung machte. Selbst Urmel konnte da den Put zum Birdie nicht vorbei schieben.
    Klar, dass es nach solchen Runden beim obligaten Sonnenbad an der Schindel-Fassade  des "Cajun" ordentlich etwas zum Angeben gab. Beim Blick auf die immer tobende Brandung wurden Austern und Bulots mit Aioli und Baguette von einem einfachen aber guten Kriter begleitet Das ging natürlich auf Kosten des Hauses. So blieben sich die Freunde gegenseitig nie etwas schuldig.
   In den Glaswürfeln hatte derweil Peggy die Ruhe zum Studieren und Schreiben genutzt. Das war nun ihr Elixier. Im Vergleich zum "Morgen-Grauen" erstrahlte sie bei der Heimkehr der Recken in ihrer Zufriedenheit, und  in dieser Aura erschien sie sogar  Johannes mitunter als durchaus  sexy.
   Es gab noch eine interessante Begleiterscheinung. In dem Maße, in dem die Männer nach jeder Runde ihr Können stetig verbesserten, schien sich durch den Fortschritt in ihrer Arbeit bei Peggy ein neues körperliches Selbstbewusstsein einzustellen, als hätte sie nebenbei heimlich trainiert. Was immer da im Schlafzimmer zwischen den Beiden ablief, diese intensive Körperlichkeit übertrug sich derart auch auf René.  Er wirkte um Jahre jünger, und bei einem Turnier zu dem er  - ohne den anderen etwas davon zu sagen - an einem Sonntag alleine fuhr, unterspielte er sein Handicap um acht Schläge  und zog damit an Urmel und Johannes vorbei.
  Wenn es der Wind zuließ, wurde sogar gelegentlich schon die Parole "um drei am Bunker" ausgegeben. Mit kaum mehr als 15 Grad, war der Atlantik zwar für die meisten zum Baden noch zu kalt, aber Urmel hatte heraus gefunden, dass er durch das schlagartig in die Brandung Klatschen, seine "Schlabber-Tage" verlängern konnte. Das machte ihn von Tag zu Tag erträglicher, und sogar mit Peggy kam er so viel besser zurecht. Was ihm zwar die Gunst des Royaumes erneut gewährte, aber die alte Viersamkeit nicht wieder herstellte und eine Rückkehr in die Glaswürfel nicht sehr wahrscheinlich machte. - Selbst als Dwight nach London zurück gekehrt war und Johannes wegen Bauarbeiten an seine mittelalterlichen Bruchbunde nach Ligurien zurück wollte. Er war sowieso schon vierzehn Tage länger geblieben, als er ursprünglich vorgehabt hatte.
   "Was treibt dich zurück in deine Berg-Einsamkeit?" fragte ihn René bei der Abreise, die seinem Freund sichtlich schwer fiel. Johannes wusste selbst, dass auf seine Handwerker Verlass war und sie viel schneller voran kamen, wenn er nicht dazwischen funkte. Auch das knapper gewordene Geld war eigentlich kein Argument. Die Kosten für den Haushalt, an dem er sich paritätisch beteiligte, ließen ihn besser zurecht kommen als das Single-Dasein in seinem Burgdorf. Sogar der Golf-Club hatte ihm aus alter Freundschaft einen Mitglieder-Preis eingeräumt, bei dem ihm die Runde billiger kam als die Stunden-Miete der Tennis-Halle, die sie immer aufsuchten, wenn es zu stark regnete.
   Nein, der heftige Selbst-Analytiker, der er ja nun einmal war, entdeckte etwas Schreckliches, nie da Gewesenes: Eine Charakter-Eigenschaft, die er stets als Schwäche gebrandmarkt hatte: Eifersucht. 
  Weder auf René noch auf Peggy, noch auf den guten Sex den sie offensichtlich hatten, sondern auf das Glück der beiden miteinander. Hätte Johannes da schon vollständig wahrgenommen, dass er Peggy auf einer intellektuellen Ebene so nahe gekommen war, wäre das verrückte Huhn in seinen Augen vielleicht nicht über Renés Tod hinaus ein Neutrum geblieben und von ihm zu retten gewesen.   Es war ein zwar keuscher aber eben doch ein Neid auf die Art von Glück, das ihn verlassen hatte. Er machte sich auch keine Hoffnung, das ihm ähnliches widerfahren könne wie dem asketischen und drahtigen René mit seinem umwerfenden Charme. Bei objektiver Betrachtung war Johannes eben ein zwar sportlicher aber dennoch aus dem Leim gegangener, älterer Herr, für den es künftig daher weder eine seelische noch sexuelle Verheißung geben werde. Selbst der Suffkopf Urmel war da noch chancenreicher als er.
  Es war daher aus dieser Sicht auch fraglich, ob er in jenem, für seinen Freund so glorreichen Jahr noch einmal nach LaGrange käme. Da sich Nathalie mit Kind und Kegel angesagt hatte, wäre für ihn im Royaume kein Platz. Zu Joceline und Urmel wollte er nicht. Bei Guillaume würde in den Semesterferien Dwight sein und beim halbseitig gelähmten Jean-Francois  in dieses Schicksalshaus einzuziehen, wäre ja der Gipfel der Geschmacklosigkeit gewesen. Ein Aufenthalt im Hotel oder einem Miet-Appartement kam finanziell für Johannes  nicht in frage.
  Aber dann kam ja wieder alles ganz anders.

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