25. Kapitel
Als es soweit war, hätte Johannes niemals gedacht, dass die Geschichte so zu Ende ginge. Er selbst hatte sich ja lange Zeit als Zeuge einer einzigartigen Lovestory mit Happy End gesehen. Jetzt mit dem Wissen des Chronisten, war die Liebe zwischen René und Peggy zwar immer noch denkwürdig, aber sie war eben auch Teil seiner aktuellen Autoren-Phantasien..
Was war das für ein Frühjahr gewesen! Peggy und Dwight hatten wegen der Kosten vorgegeben, ein Paar zu sein, um die günstigsten Flüge von Bergerac nach London und zurück zu ergattern. René fuhr sie jedes zweite Wochenende, weil ja Sparen zu seinem zweiten Hobby geworden war.Obwohl er dort ja keine alten Kumpel vom "Flugwetter" hatte, machte ihm das Spaß, weil er sich in Unkenntnis des akademischen Betriebes von seiner Chauffeur-Tätigkeit für Dwight Vorteile für Peggy versprach.. Die terminliche Anforderung an der Uni, war ja tatsächlich für die End-Semester und jene, die sie zu prüfen hatten, quasi identisch. Da aber Dwight mit den Prüfungen von Peggy gar nichts zu tun hatte, wäre auch kein Interessen-Konflikt für Vorteilsgewährung zu unterstellen gewesen.
Wenn Rigorosen oder andere Vorprüfungen anstanden, verlegten die beiden den Schwerpunkt ihres Lebens kurzerhand noch einmal nach London, obwohl sich beide längst für ein Leben in LaGrange entschieden hatten. Mal war es auch Urmel, der sie abholte, weil Guillaume weder ein Auto, noch jemals den Führerschein gemacht hatte. Tatsächlich aber hatte Dwight in diesem von Legenden durchwobenen Sommer seinen Sechzigsten, und weil Guillaume dem bunten Dwight mehr oder weniger die Abkehr von der Monochromie zu verdanken hatte, stand am besagten Morgen ein links gesteuerter Vauxhall VXR8 mit pinken Schleifen vor seinem Atelier, und niemand musste mehr bis zum Ende der Semester Fahrdienst leisten.
Aber gerade weil alles so schön entspannt war, verlangte der Fortgang der Geschichte offenbar eine dramatische Wende: Mitte Juni - in einer dieser Prüfungswochen - kam Nathalie mit den Kindern aus Kanada. Aber nur, um sie beim Opa zu deponieren. Denn sie selbst war dahinter gekommen, dass ihr Riesenbaby es während der Dreharbeiten mit einem vollbusigen, sommersprossigen Script-Girl aus Schottland trieb. Was sie nun durch ihre Präsenz am Set zu unterbinden hoffte. Als ihr René mitgeteilt hatte, dass Peggy wieder in LaGrange sein würde, hatte sie natürlich angenommen, ihr fürsorglicher Vater hätte dieses Arrangement ausschließlich getroffen, um seiner Prinzessin das Dasein zu erleichtern. Aber sie musste zu ihrem Ärger von ihrem Erzeuger erfahren, dass es in der Gunst des Königs nun eine Art Wachablösung gegeben habe.
Nathalie geriet in den Konflikt, ob sie ihre Ehe retten oder den angestammten Platz als Hausherrin im Royaume wieder zurück erobern wollte. Nicht überraschend entschied sie sich für LaGrange, weil sie nach einer Aussprache mit Betancour zur Erkenntnis gekommen war, dass sie eigentlich nicht den Kanadier selbst, sondern das Standing liebte, dass er ihr ermöglicht hatte.
Sie kehrte also überraschend schnell nach LaGrange und zu ihren Kindern zurück, musste aber erkennen, dass ihr Vater jeglichen Versuch Nathalies unterband, Peggy in die Rolle der Nanny zurück zu drängen. Zum Eklat kam es aber aus einem anderen Grund. Nicht weil Peggy weiter auf die alleinige Nutzung des "Dschungel-Würfels" und vormittägliche Ungestörtheit für ihre Studien pochte, sondern weil René für Golf freie Samstage mit schönem Wetter den "samedi sans" eingeführt hatte. Ob er das getan hatte, um Peggy nach und nach das Erschrecken vor der eigenen Nacktheit zu nehmen, war nicht mehr zu klären. Jedenfalls machte sie mit, und auch Renés Enkel fanden es großartig, daheim mal einen ganzen Tag nackt herum zu laufen. Nathalie wusste allerdings nicht, was sie Samstag morgens erwarten würde. Es hatte sich da vor dem Frühstück in ihrer Abwesenheit nämlich ein Ritual ergeben, das bei ihr, die ihre genitalen Reize ja nicht zu selten als Waffe eingesetzt hatte, einen hysterischen Schreikrampf auslöste:
Da lagen die vier gemeinsam und wie Gott sie erschaffen hatte beim Papù im Bett. Jeder hatte sein Morgen-Getränk dabei und brachte sich lautstark in irgendwelche spontan erfundene Rätsel-Spiele ein. Alles andere als entspannt reagierte Nathalie. Sie zerrte ihre nackten Lucky und Isa aus dem Bett, ohrfeigte Peggy und bezeichnete ihren Vater als seniles Schwein. Eine Stunde später hatte sie wie üblich jemanden gefunden, der sie samt ihrer Kinder zur Mutter nach Paris chauffierte. Die war zuvor in einem lautstarken Telefonat von dem Sündenpfuhl im Haus des Ex informiert worden und war über das Kommen ihrer Tochter aus diesem Anlass nicht erfreut. Sie hatte vergeblich versucht, ihre Tochter von der Harmlosigkeit des Gesehenen zu überzeugen. Sie ahnte vielleicht, dass die Überreaktion von Nathalie das eifersüchtige Resultat der Zurücksetzung war.
Am Sonntag darauf rief René Johannes in seiner ligurischen Berg-Einsamkeit an, und lud ihn ein, doch den klimatisch wesentlich angenehmeren Sommer am Atlantik zu verbringen. Der ließ sich nicht zweimal bitten und geriet so überhaupt erst in die Position des Chronisten.
Johannes überlegte kurz, wie er den Text nun am besten zu Ende brächte, denn der war ja ohnehin schon viel zu lang geraten. Da blieb er an einem Begriff hängen, den er für sich selbst schon oft verwendet hatte: Den "Tag mit Ausrufezeichen". Nicht diese Tage, die möglicherweise die gesamte Menschheit betrafen und die Welt veränderten, sondern diejenigen, die zu ganz bestimmten Konstellationen im Leben des Einzelnen führten, entschieden über dessen persönliches Schicksal. Unmittelbarer als ein kollektiver Weltuntergang konnte das Individuum von einem solchen "Tag mit Ausrufezeichen" erschüttert werden. Er musste also in dem restlichen Text vermeiden, dass der Leser darauf kam, dass er dieses betroffene Individuum war...
Peggy - wenn sie denn den Blick riskiert hätte - wäre ein Johannes im Adamskostüm bei den Bunker-Treffen ja schon längst "in Betracht" gekommen. Ganz anders war das umgekehrt:
Der Deutsche kannte das lange Reff ja nur in ihren unsäglichen Häkel-Bikinis. Beim "samedi sans", den er ungeniert mitmachte, war er auf Renés Privatgrund nun der Erste aus der Bunker-Clique, der Peggy hüllenlos sah.
Natürlich hatte sie sich durch das Fitness-Training an Regentagen, das beide in LaGrange unmittelbar wieder aufgenommen hatten, athletisch verändert. Der die Maschen dehnende Hängehintern war verschwunden, die langen Beine hatten Spannung wie der fast knabenhafte Apfel-Po, und die Haltung des Oberkörpers war mittlerweile gerade und selbstbewusst. Wie jeder Mann, der an Frauen interessiert ist, konnte sich Johannes aber auch nicht verkneifen immer wieder verstohlen ihre primären Geschlechtsmerkmale abzuscannen. Was zu einer rätselhaften Erkenntnis führte. Das kupferrot hauchdünn "beflaumte", magische Dreieck, wollte genauso wenig zu der so hoch aufragenden Frau passen, wie diese sich kaum wölbenden Brüste mit den Warzen ohne Hof in der Größe und Farbe unreifer Preiselbeeren. Sie erschien ihm spontan als Reinkarnation von einer der drei Grazien, die Lukas Cranach der Ältere so um 1530 dargestellt hatte...
Ein mit Proportionen sicher umgehender Mensch wie Johannes störte, dass da kein Einklang war zwischen Reife und Geschlecht, aber er verwarf das natürlich gleich wieder, weil er ja bereits anders konditioniert war. Er konnte dennoch nicht anders, als immer wieder darüber nachzudenken.
Johannes war ein Mann, der die Frauen unabhängig vom Geschlechtlichen liebte. Und tatsächlich fühlten sich dann immer wieder Frauen, die erkannten, das er ihr Wesen in den Vordergrund stellte - auch sexuell zu ihm hingezogen. Obwohl er ja weit davon entfernt war, ein Adonis zu sein. Bei seinen vielen ethnologischen Studien - wie er sein Fremdgehen weltweit entschuldigte, das letztlich ja zu seiner Ehe im Wartestand geführt hatte - war ihm ein derartiges Fabelwesen wie Peggy noch nie begegnet. Gab es das? Jungfrau, Intelligenzbestie und dann noch Kokotte?
Johannes musste auch den Überlegungen von René im Hinblick auf seine Assoziationen zu Gandhi recht geben. Wenn er dem "Lever" am Samstag Morgen beiwohnte - natürlich nicht im Bett, sondern auf einem bereit stehenden Sessel mit Handtuch unter dem nackten Hintern - war auch er unweigerlich an den Film mit Sir Ben Kingsley erinnert: Die gleiche weit entfernte Erhabenheit, Gelassenheit und Sanftmut. Hätten die Zwei eine Sekte oder eine globale Bewegung gegründet, er wäre sofort beigetreten.
Und dann kam dieser "Tag mit Ausrufzeichen". Peggy und Dwight waren die entscheidende Woche vor der Sommerpause fort gewesen. Die Examen hatten angestanden. Dwight hatte dem Dekan gesagt, dass er aus dem Senat ausschiede und die Uni verließe. Peggy hatte in den mündlichen Prüfungen derart brilliert, dass alle nur noch darauf warteten, ob ihre Dissertation das noch toppen würde.
Noch immer hatte Johannes außer Andeutungen keinen Schimmer, was Peggys Forschung berühren würde. Ja, er war fast ein wenig sauer gewesen, dass Peggy seine Hilfe weder zum Redigieren ihrer in Deutsch zu verfassenden Arbeit, noch um Feedback zu erhalten, in Anspruch genommen hatte. Einmal nur ließ eine leichtfertig dahin gesagte Äußerung ahnen, dass sie ihn, den Autoren, gewissermaßen zwar als Freund aber doch auch als Konkurrenten sah. Sie sagte nämlich - auf ihre fertige Arbeit angesprochen:
"Hoffentlich gibt es beim Druck keine Verzögerungen, denn ich weiß, dass auch ein paar Machos bereits an diesem Thema arbeiten..."
Da hatte Johannes endgültig die Vermutung, es handle sich um ein "Frauen-Ding".
Es dauerte an besagtem Tag bis zum Nachmittag, ehe Peggy das Ausrufezeichen setzte. Die Bunker-Clique hatte schon ein paar Drinks aus den Kühltaschen intus, als eine Peggy in völlig neuem Erscheinungsbild auftrat. Den kleinen Professor an der Hand stolzierte sie den Holzsteg bis zum Sand hinunter. Sie waren wohl direkt vom Flughafen gekommen, aber hatten sich kleidungsmäßig in London bereits auf ihren Auftritt vorbereitet. Dwight gab den schwulen Beachcomber aus Key West in einem farblich nicht einfach zu beschreibenden Hawaii-Hemd und knalligen Bermudas. Aber Peggy versetzte doch die meisten in Schrecken. Sie sah aus wie eine Irokesin auf dem Kriegspfad. Nicht nur, dass sie ihre übliche Kochtopf-Frisur bis auf einen steif gegelten von der Stirn in den Nacken verlaufenden Kamm ihrer roten Haare rasiert hatte, sie trug auch Piercings in Nase, Lippe und Zunge...
Und dann zog sie ich aus. Und zwar komplett. Sie streifte ihren Pocahontas-Umhang in einer etwas übertrieben dramatischen Weise ab, die aber Laute des Staunens erfolgreich provozierte, als zu sehen war, dass sie darunter nichts weiter trug, als einen Diamant-Sticker an ihrem Bauchnabel. Vor allem als sie Joceline mit ihrer gepiercten Zunge einen verlangende Kuss gab, den die Kunsthändlerin nicht abwehren konnte und wie im Reflex mit einer Hand an Peggys Hintern erwiderte. Dann zog Peggy René zu sich hoch und rannte mit ihm in die flache Brandung des abebbenden Atlantiks, umschlang ihn dortselbst mit ihren langen Beinen, als wolle sie den Akt mit ihm hier gleich an Ort und Stelle vollziehen. Aber sie flüsterte ihm nur wie die ewige Geliebte eine Menge Dinge ins Ohr.
Später am Tag - als sich Peggy für ein Diner mit René im "La Grange Sur Lierre" fertig machte, berichtete René gespielt resigniert:
"Jetzt übernimmt sie das Kommando. Sie hat ihr Examen mit Auszeichnung absolviert. Die Vorveröffentlichung von Teilen ihrer Doktorarbeit im Internet durch ihren Doktor-Vater hat eine weltweite Flut von Anfragen für Vorträge und Gastseminare ausgelöst; alle hoch bezahlt und so mit Flugtickets und Hotels hinterfüttert, dass sie mich überall mit hinnehmen will. Sieht so aus, als käme ich so im nächsten halben Jahr nicht nur nach Boston. sondern auch nach Australien und Südafrika. Die werden ganz schön staunen, wenn diese Irre vom anderen Stern mit so einem Taper-Greis wie mir im Schlepptau auftritt.
Bei der Bezeichnung "Irre vom anderen Stern" kam Johannes wieder in Erinnerung, wie die beiden am Nachmittag aus dem Wasser gestiegen waren und ohne zur Clique zurück zu kommen, südwärts Hand in Hand auf dem festen Watt ausgeschritten waren. Kurz vor Weihnachten war ja James Camerons 3D-animierter Fantasy-Film "Avatar" in die Kinos gekommen. Peggy hätte gut die Fleisch gewordene Avatarin geben können.
Aber die beiden brauchten zur Erzeugung ihrer Aura eben keine Computer. Allein das tiefe Licht der Nachmittagssonne dokumentierte das Außergewöhnliche dieses Paares. Der Mann dunkelbraun, die Frau wie Pfirsich-Marzipan. Beide hoch aufgeschossen und langgliedrig wie abessinische Krieger. Unbeirrt schritten sie voran in Richtung Bassin D'Arcachon als läge dort hinter dem Horizont die Zukunft einer niemals endenden Liebe...
Nathalie geriet in den Konflikt, ob sie ihre Ehe retten oder den angestammten Platz als Hausherrin im Royaume wieder zurück erobern wollte. Nicht überraschend entschied sie sich für LaGrange, weil sie nach einer Aussprache mit Betancour zur Erkenntnis gekommen war, dass sie eigentlich nicht den Kanadier selbst, sondern das Standing liebte, dass er ihr ermöglicht hatte.
Sie kehrte also überraschend schnell nach LaGrange und zu ihren Kindern zurück, musste aber erkennen, dass ihr Vater jeglichen Versuch Nathalies unterband, Peggy in die Rolle der Nanny zurück zu drängen. Zum Eklat kam es aber aus einem anderen Grund. Nicht weil Peggy weiter auf die alleinige Nutzung des "Dschungel-Würfels" und vormittägliche Ungestörtheit für ihre Studien pochte, sondern weil René für Golf freie Samstage mit schönem Wetter den "samedi sans" eingeführt hatte. Ob er das getan hatte, um Peggy nach und nach das Erschrecken vor der eigenen Nacktheit zu nehmen, war nicht mehr zu klären. Jedenfalls machte sie mit, und auch Renés Enkel fanden es großartig, daheim mal einen ganzen Tag nackt herum zu laufen. Nathalie wusste allerdings nicht, was sie Samstag morgens erwarten würde. Es hatte sich da vor dem Frühstück in ihrer Abwesenheit nämlich ein Ritual ergeben, das bei ihr, die ihre genitalen Reize ja nicht zu selten als Waffe eingesetzt hatte, einen hysterischen Schreikrampf auslöste:
Da lagen die vier gemeinsam und wie Gott sie erschaffen hatte beim Papù im Bett. Jeder hatte sein Morgen-Getränk dabei und brachte sich lautstark in irgendwelche spontan erfundene Rätsel-Spiele ein. Alles andere als entspannt reagierte Nathalie. Sie zerrte ihre nackten Lucky und Isa aus dem Bett, ohrfeigte Peggy und bezeichnete ihren Vater als seniles Schwein. Eine Stunde später hatte sie wie üblich jemanden gefunden, der sie samt ihrer Kinder zur Mutter nach Paris chauffierte. Die war zuvor in einem lautstarken Telefonat von dem Sündenpfuhl im Haus des Ex informiert worden und war über das Kommen ihrer Tochter aus diesem Anlass nicht erfreut. Sie hatte vergeblich versucht, ihre Tochter von der Harmlosigkeit des Gesehenen zu überzeugen. Sie ahnte vielleicht, dass die Überreaktion von Nathalie das eifersüchtige Resultat der Zurücksetzung war.
Am Sonntag darauf rief René Johannes in seiner ligurischen Berg-Einsamkeit an, und lud ihn ein, doch den klimatisch wesentlich angenehmeren Sommer am Atlantik zu verbringen. Der ließ sich nicht zweimal bitten und geriet so überhaupt erst in die Position des Chronisten.
Johannes überlegte kurz, wie er den Text nun am besten zu Ende brächte, denn der war ja ohnehin schon viel zu lang geraten. Da blieb er an einem Begriff hängen, den er für sich selbst schon oft verwendet hatte: Den "Tag mit Ausrufezeichen". Nicht diese Tage, die möglicherweise die gesamte Menschheit betrafen und die Welt veränderten, sondern diejenigen, die zu ganz bestimmten Konstellationen im Leben des Einzelnen führten, entschieden über dessen persönliches Schicksal. Unmittelbarer als ein kollektiver Weltuntergang konnte das Individuum von einem solchen "Tag mit Ausrufezeichen" erschüttert werden. Er musste also in dem restlichen Text vermeiden, dass der Leser darauf kam, dass er dieses betroffene Individuum war...
Peggy - wenn sie denn den Blick riskiert hätte - wäre ein Johannes im Adamskostüm bei den Bunker-Treffen ja schon längst "in Betracht" gekommen. Ganz anders war das umgekehrt:
Der Deutsche kannte das lange Reff ja nur in ihren unsäglichen Häkel-Bikinis. Beim "samedi sans", den er ungeniert mitmachte, war er auf Renés Privatgrund nun der Erste aus der Bunker-Clique, der Peggy hüllenlos sah.
Natürlich hatte sie sich durch das Fitness-Training an Regentagen, das beide in LaGrange unmittelbar wieder aufgenommen hatten, athletisch verändert. Der die Maschen dehnende Hängehintern war verschwunden, die langen Beine hatten Spannung wie der fast knabenhafte Apfel-Po, und die Haltung des Oberkörpers war mittlerweile gerade und selbstbewusst. Wie jeder Mann, der an Frauen interessiert ist, konnte sich Johannes aber auch nicht verkneifen immer wieder verstohlen ihre primären Geschlechtsmerkmale abzuscannen. Was zu einer rätselhaften Erkenntnis führte. Das kupferrot hauchdünn "beflaumte", magische Dreieck, wollte genauso wenig zu der so hoch aufragenden Frau passen, wie diese sich kaum wölbenden Brüste mit den Warzen ohne Hof in der Größe und Farbe unreifer Preiselbeeren. Sie erschien ihm spontan als Reinkarnation von einer der drei Grazien, die Lukas Cranach der Ältere so um 1530 dargestellt hatte...
Ein mit Proportionen sicher umgehender Mensch wie Johannes störte, dass da kein Einklang war zwischen Reife und Geschlecht, aber er verwarf das natürlich gleich wieder, weil er ja bereits anders konditioniert war. Er konnte dennoch nicht anders, als immer wieder darüber nachzudenken.
Johannes war ein Mann, der die Frauen unabhängig vom Geschlechtlichen liebte. Und tatsächlich fühlten sich dann immer wieder Frauen, die erkannten, das er ihr Wesen in den Vordergrund stellte - auch sexuell zu ihm hingezogen. Obwohl er ja weit davon entfernt war, ein Adonis zu sein. Bei seinen vielen ethnologischen Studien - wie er sein Fremdgehen weltweit entschuldigte, das letztlich ja zu seiner Ehe im Wartestand geführt hatte - war ihm ein derartiges Fabelwesen wie Peggy noch nie begegnet. Gab es das? Jungfrau, Intelligenzbestie und dann noch Kokotte?
Johannes musste auch den Überlegungen von René im Hinblick auf seine Assoziationen zu Gandhi recht geben. Wenn er dem "Lever" am Samstag Morgen beiwohnte - natürlich nicht im Bett, sondern auf einem bereit stehenden Sessel mit Handtuch unter dem nackten Hintern - war auch er unweigerlich an den Film mit Sir Ben Kingsley erinnert: Die gleiche weit entfernte Erhabenheit, Gelassenheit und Sanftmut. Hätten die Zwei eine Sekte oder eine globale Bewegung gegründet, er wäre sofort beigetreten.
Und dann kam dieser "Tag mit Ausrufzeichen". Peggy und Dwight waren die entscheidende Woche vor der Sommerpause fort gewesen. Die Examen hatten angestanden. Dwight hatte dem Dekan gesagt, dass er aus dem Senat ausschiede und die Uni verließe. Peggy hatte in den mündlichen Prüfungen derart brilliert, dass alle nur noch darauf warteten, ob ihre Dissertation das noch toppen würde.
Noch immer hatte Johannes außer Andeutungen keinen Schimmer, was Peggys Forschung berühren würde. Ja, er war fast ein wenig sauer gewesen, dass Peggy seine Hilfe weder zum Redigieren ihrer in Deutsch zu verfassenden Arbeit, noch um Feedback zu erhalten, in Anspruch genommen hatte. Einmal nur ließ eine leichtfertig dahin gesagte Äußerung ahnen, dass sie ihn, den Autoren, gewissermaßen zwar als Freund aber doch auch als Konkurrenten sah. Sie sagte nämlich - auf ihre fertige Arbeit angesprochen:
"Hoffentlich gibt es beim Druck keine Verzögerungen, denn ich weiß, dass auch ein paar Machos bereits an diesem Thema arbeiten..."
Da hatte Johannes endgültig die Vermutung, es handle sich um ein "Frauen-Ding".
Es dauerte an besagtem Tag bis zum Nachmittag, ehe Peggy das Ausrufezeichen setzte. Die Bunker-Clique hatte schon ein paar Drinks aus den Kühltaschen intus, als eine Peggy in völlig neuem Erscheinungsbild auftrat. Den kleinen Professor an der Hand stolzierte sie den Holzsteg bis zum Sand hinunter. Sie waren wohl direkt vom Flughafen gekommen, aber hatten sich kleidungsmäßig in London bereits auf ihren Auftritt vorbereitet. Dwight gab den schwulen Beachcomber aus Key West in einem farblich nicht einfach zu beschreibenden Hawaii-Hemd und knalligen Bermudas. Aber Peggy versetzte doch die meisten in Schrecken. Sie sah aus wie eine Irokesin auf dem Kriegspfad. Nicht nur, dass sie ihre übliche Kochtopf-Frisur bis auf einen steif gegelten von der Stirn in den Nacken verlaufenden Kamm ihrer roten Haare rasiert hatte, sie trug auch Piercings in Nase, Lippe und Zunge...
Und dann zog sie ich aus. Und zwar komplett. Sie streifte ihren Pocahontas-Umhang in einer etwas übertrieben dramatischen Weise ab, die aber Laute des Staunens erfolgreich provozierte, als zu sehen war, dass sie darunter nichts weiter trug, als einen Diamant-Sticker an ihrem Bauchnabel. Vor allem als sie Joceline mit ihrer gepiercten Zunge einen verlangende Kuss gab, den die Kunsthändlerin nicht abwehren konnte und wie im Reflex mit einer Hand an Peggys Hintern erwiderte. Dann zog Peggy René zu sich hoch und rannte mit ihm in die flache Brandung des abebbenden Atlantiks, umschlang ihn dortselbst mit ihren langen Beinen, als wolle sie den Akt mit ihm hier gleich an Ort und Stelle vollziehen. Aber sie flüsterte ihm nur wie die ewige Geliebte eine Menge Dinge ins Ohr.
Später am Tag - als sich Peggy für ein Diner mit René im "La Grange Sur Lierre" fertig machte, berichtete René gespielt resigniert:
"Jetzt übernimmt sie das Kommando. Sie hat ihr Examen mit Auszeichnung absolviert. Die Vorveröffentlichung von Teilen ihrer Doktorarbeit im Internet durch ihren Doktor-Vater hat eine weltweite Flut von Anfragen für Vorträge und Gastseminare ausgelöst; alle hoch bezahlt und so mit Flugtickets und Hotels hinterfüttert, dass sie mich überall mit hinnehmen will. Sieht so aus, als käme ich so im nächsten halben Jahr nicht nur nach Boston. sondern auch nach Australien und Südafrika. Die werden ganz schön staunen, wenn diese Irre vom anderen Stern mit so einem Taper-Greis wie mir im Schlepptau auftritt.
Bei der Bezeichnung "Irre vom anderen Stern" kam Johannes wieder in Erinnerung, wie die beiden am Nachmittag aus dem Wasser gestiegen waren und ohne zur Clique zurück zu kommen, südwärts Hand in Hand auf dem festen Watt ausgeschritten waren. Kurz vor Weihnachten war ja James Camerons 3D-animierter Fantasy-Film "Avatar" in die Kinos gekommen. Peggy hätte gut die Fleisch gewordene Avatarin geben können.
Aber die beiden brauchten zur Erzeugung ihrer Aura eben keine Computer. Allein das tiefe Licht der Nachmittagssonne dokumentierte das Außergewöhnliche dieses Paares. Der Mann dunkelbraun, die Frau wie Pfirsich-Marzipan. Beide hoch aufgeschossen und langgliedrig wie abessinische Krieger. Unbeirrt schritten sie voran in Richtung Bassin D'Arcachon als läge dort hinter dem Horizont die Zukunft einer niemals endenden Liebe...
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