Sonntag, 1. Juni 2014

Strohfeuer




   23. Kapitel



   Bevor er weiterschreiben konnte, geriet Johannes für Minuten in ein emotionales Tief. In Erinnerung an jenen hoffnungsfrohen Jahresbeginn, über den er so leichthin texten wollte, wurde ihm in aller Deutlichkeit bewusst, wie sehr die Protagonisten dann doch ihrem Schicksal unausweichlich ausgeliefert gewesen waren...
   Johannes selbst hatte seine fast neunzigjährige Mutter durch Sekunden-Tod am 2. Januar verloren. Sie war in dem Appartement-Haus für betreutes Wohnen unten in den Fahrstuhl gestiegen und saß tot auf ihrem Rollator als er ihr Stockwerk erreichte. Obwohl seit Jahren ein "herzchirurgisches" Ersatzteil-Lager hatte sie ihren letzten Willen nicht präzise genug verfügt. Sie hinterließ eine Restfamilie im juristischen Erbschaftsstreit mit Zwangsversteigerungen am Ende. Um die konnte sich Johannes aber nicht kümmern, weil langjährig vertraute Geschäftspartner und Mitarbeiter mit einem Buyout gleichzeitig dafür gesorgt hatten, dass er seine Firma verlor. 
  Schlimmer als das Verrauchen von Großteilen der Abfindung und der Versteigerungserlöse in der Finanzkrise traf ihn aber die Orientierungslosigkeit und der Verlust seiner Wichtigkeit. Was hatte er noch über den Loriot-Film "Pappa ante Portas" gelacht und sich vorgenommen, nicht komisch zu werden, wenn er einmal mit dem Arbeiten aufhören sollte. Er wurde nicht komisch, sondern boshaft und unerträglich launisch, als ihm klar wurde, dass ein bald 60jähriger nicht mehr für andere Aufgaben gesucht wird, und er auch nicht so im Handumdrehen eine neue Firma mit seinen Kindern gründen konnte. Jeder hatte fortan andere Ziele, und erst jetzt nach drei Jahren im selbst gewählten italienischen Exil gab es zumindest einen Hauch von Hoffnung, dass seine Ehe doch noch länger als die bislang 40 Jahre halten könnte.
   Dass in diesen Monaten nicht alles negativ war, dafür hatte eine Peggy gesorgt, die er in jener Zeit noch für hoffnungslos naiv gehalten hatte. Dabei hätte er anhand der Wirkung ihrer Person auf sein Wahrnehmungsvermögen doch erkennen müssen, was eigentlich in ihr gesteckt hatte. Er war dermaßen auf sich fixiert gewesen, dass die sensiblen Antennen seiner Menschenkenntnis die Signale nicht in seinen Verstand dringen ließen. Jetzt erst stieg die Trauer über den Verlust in ihm hoch. Er versuchte gar nicht erst die Tränen und das laute Aufschluchzen zu unterdrücken. Er gab sich für einige Minuten seinen Emotionen ungebremst hin und merkte dabei, wie sich die Enge in seiner Brust langsam löste. Als er den Bildschirm wieder klar sehen konnte, schrieb er in erstaunlicher Heiterkeit weiter:

   Anders als René dachte, begann Peggy trotz der Doppelbelastung mit Examen und Dissertation, auch noch beider Leben in die Hand zu nehmen. Ob sie sich dabei der Endlichkeit ihrer Beziehung bewusst war, darf zu recht angenommen werden. Das Timing ihrer Planung trug - zumindest im Nachhinein betrachtet - deutliche Merkmale, jeglichen Zeitverlust zu vermeiden. Es ist auch fraglich ob der auf "laissez faire" eingestellte René überhaupt bemerkt hat, wie er, der gewiefte Manipulator, nun von dieser jungen Frau dirigiert wurde.
   Die Veränderungen in ihrem eheähnlichen Alltag begannen damit, dass er - als sich René wegen der baldigen Heimkehr von Dwight auf die Suche nach einer für beide geeigneten Wohnung machen wollte - von Peggy eingebremst wurde. Das sei nicht nötig, weil sie online genauso von LaGrange aus arbeiten könne. Aber was dann mit seinem Konversationskurs geschehe? Das sei doch ein Problem des Dekans! Ob er denn überhaupt an seinen Riesen-Garten gedacht hätte und an seine Freunde? Sie wolle auf keinen Fall später für Defizite verantwortlich gemacht werden...
   Das Wort Defizite war tatsächlich so in einer Mail von René an Johannes weiter gereicht worden. Als er ankündigte, an den Golf-Arrangements für ihren Vierer-Flight Ende März in LaGrange. der ja Tradition sei, ändere sich nichts.
  War das auch ein Signal, dass René und Urmel wieder Kontakt aufgenommen hatten? Johannes jedenfalls freute sich darauf, die Saison mit den beiden und Jean-Jaques zu eröffnen.
   Als  Johannes in LaGrange eintraf, erwartete ihn neben der vollends erblühten Peggy eine weitere Überraschung: René hatte Dwight nach seiner Rückkehr aus den Staaten spontan als Gegenleistung für einige Wochen Urlaub nach LaGrange eingeladen. Das bedeutete aber auch, dass es in den ansonsten eigentlich großzügig bemessenen Glaswürfeln von Renés Bungalow ein wenig eng wurde, Denn den "Nordwürfel" hatte René komplett für Peggy ausgeräumt, damit sie dort die Ruhe fände für ihre Arbeit. Johannes, der ja auch auf Schreib-Ambiente wert legte, war ein wenig neidisch. Der "Nordwürfel" bezog seine Atmosphäre aus dem Umstand, dass drei Seiten komplett von Bananenstauden und Riesenfarnen umpflanzt waren, während er von oben durch Livingston-Palmen beschattet wurde. Somerset Maugham hätte da auch gut seine "Fußspuren im Dschungel" schreiben können.
   Da sich René nach fünf Monaten Pause vorwiegend um den Garten kümmern wollte und jede Hilfe dabei ablehnte, sich Peggy diszipliniert nach Stundenplan zum Arbeiten in ihren Würfel zurückzog, musste sich Johannes notgedrungen um Dwight, den Langschläfer, kümmern, wenn der Viererflight von seiner morgendlichen Runde zurück war. Wie bislang immer in LaGrange war der März gegen Ende ein warmer, lichtvoller Rausch, dem sich auch die Frühblüher nicht entziehen konnten. Die Pinien rieben im leichten Wind wispernd ihre Nadeln aneinander. Die Frösche im Teich machten bei der Werbung um Weibchen einen Lärm, der nur durch lautes Klatschen mal unterbrochen werden konnte. Der mannigfaltige Blütenduft belebte die Sinne derart nachhaltig, dass sogar Johannes alles Böse hinter sich ließ, und neue Lebenslust ihn erfasste Irgendwann auf der Runde fasste der wieder in Gnaden aufgenommene Urmel die Stimmung mit jenem  so treffenden Satz Renés zusammen:
   "Ja, es gibt ein Leben vor dem Tod!" Wie erschreckend recht er behalten sollte...
   
   Es oblag Johannes, Dwight in den übersichtlichen Kosmos von LaGrange einzuweisen. Sie hatten sich zwei Räder geschnappt und waren über die Düne zum Strand gefahren. Der Surfer-Spot wurde gerade mal wieder renoviert, aber der hölzerne Boardwalk auf den Dünen parallel zum Meer war endlich fertig. Um diese Zeit des Jahres durften die Radler ihn noch benutzen. So hatten sie eine prachtvolle Panorama-Fahrt, die eher zufällig an Guillaumes Atelier nahe dem Nordstrand endete.
   Der Maler freute sich riesig, als Johannes den Kopf durch einen Spalt breit der schwere Schiebetür steckte. Die Trauer um den Verlust seines Lebensgefährten war ihm, aber vor allem den vielen monochrom unvollendet aufgegebenen Entwürfen immer noch anzumerken.
   "Schau mal, wen ich dir mitgebracht habe." Er zog Dwight nun durch die weiter zur Seite geschobene Tür und stellte ihn als den Mann vor, der René und Peggy das Liebesnest in London zur Verfügung gestellt habe. Natürlich hatte Johannes wenig Ahnung davon, auf welcher Wellenlänge Männer, die Männer lieben, sich empfangsbereit geben. Es wäre eine absurde Vorstellung für ihn gewesen,  sich den schwarzen Fleischberg aus Martinique und den eleganten Hipster-Zwerg aus fashionable London als Paar vorzustellen. Aber das war nun nicht mehr aufzuhalten. Nicht gesucht aber gefunden. Liebe auf den ersten Blick. Da war sie wieder - diese Aura, die Paare plötzlich umgibt und die es so lange zu bewahren gilt, wie es nur irgend geht.
   Johannes war unmittelbar abgemeldet. Er war derart ausgegrenzt, dass er nur noch verlegen fragte, ob  Dwight den Weg zu Renés Haus denn alleine zurück fände. Dann drückte er sich diskret aus dem Atelier davon.
   Als Johannes alleine auf Renés Anwesen radelte, sprang Peggy, die gerade ihre bemerkenswert großen Zehen in die Sonne gehalten hatte, besorgt von ihrem Liegestuhl auf der Wiese, und selbst René hörte auf mit seinem Profi-Kercher lärmend oben die Glasdächer vom klebrigen Blütenstaub zu befreien,
   "Wo hast du Dwight gelassen?", fragten sie unisono.
   "Wir haben ihn wohl verloren", antwortete Johannes in gespielt tiefer Trauer. Und nach einer Kunstpause: "An Guillaume!"
   Nach einer dem Gastgeber René geschuldeten Anstandspause von ein paar Tagen zog Dwight nicht nur für die restlichen Tage seines ersten Aufenthalts bei Guillaume ein. Beim Umzug sagte er zu René einen Satz, der bei Johannes für immer geborgen blieb:
   "Wir beide machen gerade eine einzigartige Erfahrung René. Die ultimative Liebe kennt keine Altersunterschiede!"
   

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