Samstag, 19. Juli 2014

Erinnerungen 1

Vorbemerkung:
Alle stellen sich immer vor, das Leben eines Reporters ist so wie im Kino. Tatsächlich stehen 10 Prozent Aufregung gefühlten 90 Prozent Banalität gegenüber. Mord und Totschlag kamen bei mir und den meisten meiner Kollegen im Gegensatz zu unserem täglichen Fernsehprogramm in etwa 1000 zu 1 vor. Ich gebe zu, dass in der heutigen Zeit die Wahrscheinlichkeit, dass "früher  die Tage mit einem Bauchschuss begannen" (Wolf Wondratschek) ungleich höher ist. Aber wer will denn Gedrucktes heute noch lesen?
Meine Erinnerungen dienen deshalb  nur dem einzigen Selbstzweck, dass meine Kinder (Enkel wird es ja leider nicht geben) später einmal erkennen, dass ihr Vater nicht das Weich-Ei oder das textende Faktotum war, für das sie ihn  vermutlich gehalten haben...


Bestellt und nicht abgeholt

Stellt euch einen Mann vor, der am Rande des Great Barrier Reefs auf einer Insel sitzt, auf der neben einem kurzen Airstrip nur ein Unterstand aus Wellblech auf vier maroden Pfosten von der Zivilisation dort draußen kundet. Der Mann sitzt auf einem Samsonite-Koffer, der offensichtlich schon einiges abbekommen hat, und schaut auf  15 Kilo Kamera-Ausrüstung, die ihm in diesem Moment rein gar nicht helfen.
Dieser Mann ist aber ein Mann, der es gewohnt ist, in geliehenem Luxus zu leben  - und nichts dem Zufall zu überlassen. Vielleicht sollte man erwähnen, dass  er in einer Zeit dort sitzt, in der es weder Cellulars, Telefax noch Internet gibt. Akribisch  - wie er ist - hat er zumindest ein sorgsam zusammen gefaltetes Telex mit seiner "Schedule" dabei, aber nach der ersten Stunde des Wartens in schmorender Hitze erkennt er bereits, dass ihn das nicht retten wird.
Er denkt an den geliehenen Luxus der letzen Tage, und ist immerhin froh, dass er den noch gehabt hat. Er war auf Dunk-Island gewesen, hatte eine Selfmade-Millionärin aus Darwin kennen gelernt, die ihm nicht mehr von der Seite gewichen war, hatte in einer Badehose mit Gummisandalen  an den Füßen (die später Flipflops heißen sollten) neun Löcher Golf gespielt, weisungsgemäß wegen der Giftschlangen keinen Rough-Ball gesucht und dennoch seinen Flight gewonnen.
Aber das war gegenüber einem anderen Erlebnis nicht wichtig. Das neunte Loch lag damals unter einem alles überschattenden Mango-Baum dessen reife Früchte erst einmal aus der Put-Linie geräumt werden mussten. Da saßen dann alle Golfer nach der Runde und vernaschten einträchtig die Mangos...
Als der Mann seiner One-Night-Stand-Millionärin im Morgengrauen gestand, dass er nicht nur Familie, sondern auch einen Helikopter "zu warten" hätte, der ihn"in  mission" nach Hamilton Island brächte, wären deren damals angespannte Besitzverhältnisse, beinahe im Handstreich von der Liebestollen geklärt gewesen...
Jetzt auf seinem Samsonite dachte der Mann, dass ihn nun vielleicht die Strafe einer höheren Instanz erwarte und wurde Demütig - ja geradezu dankbar, dass er mit zahmen Delphinen hatte kuschelig schwimmen dürfen und mit einem HobieCat  Katamaran zwischen den Whitsundays gekreuzt war.

Und dann hatte ihn der nächste Helikopter auf diesem Airstrip abgesetzt. "Kollege kommt gleich", hatte der Pilot ihm noch unter dem anschwellenden Lärm der beschleunigenden Rotoren zugebrüllt. Dann diese Stille, die jetzt schon die zweite Stunde anhielt. .Er holte immer wieder das zusammen gefaltete Telex mit einem Datum heraus, das nun bereits anderthalb Monate her war. Was, wenn es einfach verloren gegangen war? Würden die Aussies tatsächlich ein vermeintliches Reporter-Talent hier draußen am Ende der östlichen Welt verdorren lassen???

In der dritten Stunde des Wartens wurde der Durst schier unerträglich. Nicht der tatsächliche, denn der Mann verfügte ja wegen seines üppigen Körpers noch mindestens für drei Tage über Flüssigkeit. Und außerdem hatte er ja seine Körper-Funktionen (wie man später in einer von Computern beherrschten Welt sagen würde) auf Standby-Modus herunter gefahren. Seine noch wachen Augen hatten seine Umgebung nach Sokkuleten abgescant (der Ausdruck ist natürlich in diesem Zeit-Kontinuum auch nicht statthaft). Wozu hatte er denn seine Sirius-Rettungsdecke in der Kamera-Tasche?

Gerade wollte er sich zum in Sichtweite befindlichen Strand aufmachen, um vielleicht die benötigte Flüssigkeit durch das Fangen von Fischen mit seinem Survival-Kit auszugleichen, als er das Geräusch eines herannahenden Fliegers ausmachte und ihn dann auch noch sah. Er wedelt, mit der Rettungsdecke, schrie - ebenso blöder wie unnützer Weise - da war der Silverbird aber auch schon im unendliche Blau verschwunden.

Die dritte Stunde war angebrochen. Der Mann hatte gerade ein paar letzte, kryptische Zeilen für die Lieben daheim in seinen Konzeptblock geschrieben, als quasi lautlos eine winzige Maschine  "auf dem Teller" neben ihm aus dem Wind drehte. Ein "Zwölfjähriger" klappte die Kanzel-Kuppel hoch und sagte nur lapidar:
"Sorry mate! I'm a little late."

Wie sich herausstellte, war bei einem lokalen Fallschirmspringer-Meeting eine Maschine ausgefallen. Die für den Mann zum "pick up" vorgesehene, war kurzerhand umdisponiert worden, weil es ja schließlich um eine WM-Quali ging.

"They thought German Reporters are tough enough to wait" bekannte der fliegende Teenie, als er die Nase seines Minifliegers auf offene See hinaus steuerte.

Der Mann, der ja selbst einmal mit dem Fallschirm abgesprungen war, staunte nicht schlecht, als sie inmitten der bunten Champignons am Himmel auf dem lokalen Flughafen landeten. Und er staunte noch mehr, als der Kleine, der tatsächlich erst gerade 20 geworden war, ihn in ein Wasserflugzeug aus dem Jahre 1936 nötigte.
Es diente normalerweise, um Taucher ans äußere Barrier Reef zu fliegen. Heute würden die 36 Club-Ledersitze frei bleiben, denn der Reporter bekam den Copiloten-Sitz an den mit Mahagoni verkleideten Armaturen  und dem Steuerruder aus gleichem Edelholz zugewiesen...

Was für ein Erlebnis! Sie stiegen kaum, dann schwenkten sie nordwärts am Rand des Barrier Reefs in Richtung Townsend (NSW).
"Think you can fly this old Lady?" meinte der Kleine, dessen aeronautische Großmutter dieses "thoroughbred plane" hätte sein können. Dann überließ er mit einem simplen "straight North" dem Reporter die Verantwortung für das richtige Kurshalten. Mit offenen Fenstern flogen sie eine Zeit lang so dicht über dem Wasser, dass sie größere Fischschwärme sehen und Seglern zuwinken  konnten.

Als die Maschine in Townsend neben einer Maschine der JAl parkte stürzten die gerade gelandeten Japaner mit ihren Kameras auf die "zwei" Aviatoren zu und nötigten sie für ihre gezückten Kameras zu Posen von Welt-Umfliegern für ihre  Urlaubsalben...

"Thanks! You finally made my day", sagte der Reporter, aber der Jungspund hörte schon vom Tower seine Freigabe für den Rückflug. Ein kurzes Daumen hoch war alles - business as usual.

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